Morgel und die Gemeinschaft am Komstkochsteich (Teil 1 der Morgelgeschichten)

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Morgelgeschichte 1 - Morgel und die Gemeinschaft am Komstkochsteich

Mein Dank gilt: Frank Schumann, dem Morgel-Entdecker.

Morgel und die Gemeinschaft am Komstkochsteich
Kapitel 1: Eine unerwartete Begegnung

Ein kalter Frühsommermorgen. Nebelschleier steigen über dem Komstkochsteich auf. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch den dichten Wald und zeichnen drollige Figuren auf das Wasser. Es riecht nach modrigem, nassem Holz. Die Vöglein zwitschern munter durcheinander und die Frösche quaken lauthals um die Wette.

Wie aus dem Nichts ist auf einmal Gesang und lustiges Pfeifen zu hören. Es wird immer lauter und lauter. Ein halbwüchsiges Männlein mit kurzer Badehose und spitzem Hut kommt aus dem dichten Wald daher gelaufen. Über seiner Schulter hängt ein großes Badetuch. Wie an jedem Morgen ist es zum Teich unterwegs, um seine Bahnen darin zu ziehen. In seiner Hand hält es ein kurzes Stöckchen. Es ist sein Zauberstab. Immer dann, wenn es barfüßig auf einen trockenen Ast oder einen Baumzapfen tritt, wird sein lustiges Trällern durch ein Grummeln und einem lauten Aua unterbrochen.

Das Männlein ist ein Waldkobold und er nennt sich Munk Orgu-Telas. Munk lebt hier schon seit vielen Hundert Jahren in der Nähe der Hohen Wurzel.

Gut gelaunt am Ufer angekommen, ist jählings ein Stöhnen und Gluckern zu hören. Munk ist auf dem feuchten Matsch ausgerutscht und an der schmalen Uferböschung ins Wasser geplatscht. Nur sein spitzer Hut schaut noch heraus.
Pitschnass und von oben bis unten mit Teichpflanzen und Schlamm bedeckt, schimpft der Kobold laut vor sich hin: »Autsch mein Po! … Eyers-maners-duers, noch einmal! Ist das glatt hier. … So ein Schlamassel. Bäh! … Nanu, wo ist denn mein Zauberstab hingeflogen? … Ich muss gleich nach ihm suchen.«

Unterdes taucht auf der anderen Seite des Teiches ein kleines, zierliches Rehkitz auf. Beim Fangenspielen mit einem hübschen, bunten Schmetterling hat es sich hierher verlaufen und seine Mutter aus den Augen verloren. Und wie das eben manchmal so ist, hat das Kitz vor lauter herumrennen und herumtollen ganz vergessen, dass es sich eigentlich nicht von ihr entfernen soll.

Das Rehkitz muss lauthals lachen und wälzt sich vor Freude am Boden umher, als es das Männlein im hohen Bogen ins Wasser platschen sieht.

»Was gibt es denn da zu feixen? Der muss aufpassen, dass ich ihm nicht die Ohren lang ziehe!«, schimpft Munk vor sich hin, während er im Dickicht nach seinem Zauberstab sucht. »Ah! Da ist er ja!«
»Du bist so schmuddelig«, ruft das Rehkitz dem Kobold zu. »Wie du da so reingeplumpst bist. Das sah schon schreiend komisch aus.«
»Wer bist du denn? Ich habe dich hier noch nie gesehen. Wie heißt du?«, möchte Munk wissen.
»Wer? Wie? Was? Ich?«, schaut sich das Rehkitz fragend um. »Was meinst du damit: Wie heißt du?«
»Ob du einen Namen hast, möchte ich gern wissen. … Mein Name lautet Munk Orgu-Telas und ich bin ein Waldkobold.«
Das Kitz verdreht die Augen: »Echt? Munkor … was? Das kann ich gar nicht aussprechen. Also, meine Mutti nennt mich immer Rehkitz.«
»Wie einfallsreich! Rehkitz«, schmunzelt Munk. »Dann heißt deine Mutter wohl Rehricke?«
»Nein! Mutti heißt Gertrud«, erwidert das Kitz forsch.
»Du bist ja drollig. Wo kommt ihr noch mal her?«
»Och, keine Ahnung. Wir sind schon sehr weit gelaufen. Tag ein, Tag aus. Mir tun schon richtig die Beine weh. Mutti sagt immer, wir müssen für uns ein sicheres Plätzchen suchen. Was auch immer das bedeuten mag«, antwortet das Rehkitz.
»Ganz einfach. Das bedeutet, deine Mutter macht sich große Sorgen und wünscht sich nichts Sehnlicheres, als dich an einem sicheren Ort aufwachsen zu sehen.«
»Ist das was Gutes?«, möchte das Kitz wissen.
»Klar ist das was Gutes. Das will doch jeder«, antwortet Munk. »So, nun will ich erst einmal ein paar Runden schwimmen.«

Das kleine Kitz schaut dem Kobold mit seinen großen, braunen Knopfaugen eine Weile nach und wartet ab, bis dieser wieder an ihm vorüber schwimmt und fragt: »Wo sind wir hier?«
»Wir sind hier am Komstkochsteich und der kleine Bach dort drüben heißt Badewasser«, antwortet Munk.
»Badewasser? Weil du darin badest?«, feixt das Kitz.
»Pipifax! Du kannst einem aber auch richtig Löcher in den Bauch fragen«, gluckst Munk vor sich hin, denn beim Reden schwappt ihm jedes Mal ein Schluck Wasser in den Mund. »Nun geh weiter! Lass mich in Ruhe meine Bahnen ziehen.«

Nach kurzer Zeit meldet sich das Rehkitz wieder zu Wort: »Also, jetzt sage ich dir mal was. Du brauchst einen lustigeren Namen. Vor allem einen, den auch ich mir merken kann.«

»Häh? … Wieso das denn?«, fragt der Kobold verdutzt nach. »Ich bin ganz zufrieden mit meinem Namen. Den habe ich nun schon viele Hundert Jahre. Bisher hat sich noch niemand bei mir beschwert.«
»Oh doch! Ich beschwere mich gerade. Mal überlegen, was passt da zu dir: Mmh … Mu-or-te … oder Morg-ut … Mmh … oder Morgel. … Jawohl, ich habe es! Ich nenne dich Morgel. Der ist gut. Der ist viel besser als Munkor … oder wie auch immer. Du siehst sogar aus wie ein richtiger Morgel. Das wird sicher mein Lieblingsname«, ist das Kitz fest überzeugt und hüpft einmal, zweimal voller Freude im Kreis herum.
»Morgel? … Nun ja … ich weiß nicht, … meinst du wirklich?«, überlegt Munk mit einem freundlichen Lächeln. Dann steigt er pitschnass aus dem Wasser, greift nach seinem Handtuch und fängt an, sich von oben bis unten abzutrocknen. »Na gut, ich bin einverstanden. Nenne mich von mir aus Morgel. Ich nehme an, du gibst sonst eh keine Ruhe. Du allein darfst von nun an Morgel zu mir sagen.«

Ende der Leseprobe. Fortsetzung im eBook

Weitere Kapitel:

  • Eine zauberhafte Wurzelhöhle
  • Die Gemeinschaft wächst

Was die Ricke Gertrud und ihr Rehkitz auf ihrer langen Reise durch das Thüringer Land erlebt haben, was es mit der geheimnisvollen zweiten Tür in der Wurzelhöhle auf sich hat, ob Morgel jemals seinen Wolfshund Banjo wieder trifft und warum Morgel diese Tonscherben sammelt, erfährst Du in einer der nächsten Geschichten, die sicher irgendwann einmal auch für Dich hier erzählt werden. Bleib voller Neugier!

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Morgel und die Abenteuer in der Waldschule (Teil 2)

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5 Kommentare:

  1. Ingeborg Löffler

    Die Morgelgeschichten von Jens K. Carl sind sogenannte „Moderne Märchen“. Sie spielen in der heutigen Zeit und schaffen einen hervorragenden Wechsel von der realen Gegenwart in die Fantasiewelt. Hauptfiguren sind in diesem ersten Teil ein Kobold, namens Munk Orgu-Telas, und das Rehkitz. Es geht in diesem Märchen um Freundschaft, Zusammenhalt und Selbstlosigkeit innerhalb einer Gemeinschaft aus Pflanzen und Tieren.
    Die Morgelgeschichte ist lustig und ernst zugleich. Durch die einfache kindgerechte Sprache lässt die Handlung schnell verinnerlichen. Das Cover wirkt ein wenig düster, dennoch ist der Inhalt herzerfrischend und unterhaltsam.

  2. Man möchte ein Teil der Gemeinschaft sein.
    Das Märchen vom Waldkobold Munk Orgu-Telas und dem Rehkitz ist lustig und herzergreifend geschrieben. Die bildhafte Beschreibung des Waldes rund um den Teich und des Inneren der zauberhaften Wurzelhöhle ist bemerkenswert und lässt den Leser in diese wundersame Welt eintauchen. Die Sprache ist kindgerecht und einfach. Ich freue mich schon auf weitere Morgelgeschichten dieses Autors.

  3. Hallo, lieber Herr Carl,
    ihre Geschichten sind einfach total Klasse…..so spannend und witzig und auch lehrreich . Ich würde mir sehr wünschen, dass es diese als Buch zu kaufen gibt (oder gibt´s das schon?), denn diese Abenteuer sind auch zum Vorlesen in der Grundschule gut geeignet….
    Bravo und weiter so – ich bin ein großer Fan!

  4. Hallo Herr Carl, herzliche Grüsse aus Hermsdorf/Thüringen. Bin durch den Artikel im AA auf Sie und Ihre wunderbaren Geschichten gestoßen. Die schwarz-weissen Bilder dazu – einfach perfekt. Bitte machen Sie weiter so.
    Bei der 1. Geschichte bitte ich um eine kleine Korrekturlesung zum Text:
    Am täglichen Frühstück…
    In grosser Vorfreude auf weitere schöne Geschichten von Ihnen (vielleicht denken Sie über ein Buch nach?)

  5. Sehr geehrter Jens Karsten Carl, ich liebe Tiergeschichten und habe selbst schon viele geschrieben. Für jedes Enkelkind habe ich ein Büchlein geschrieben und alle Geschichten erzählen von Tieren, genau wie bei Ihnen. Es sind schöne Geschichten über den Morgel. Ich kann mich so gut in diese Natur und Tierwelten versetzen. Die letzten zwei Bücher haben mein Mann und ich über einen Eigenverlag bei Amazon veröffentlicht, vielleicht gelingt es ihnen auch. Ich wünsche Ihnen noch viele schöne Ideen und alles Gute.

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