Öffne die Tore zur Magie!

Autor: Jens K. Carl.
Illustrationen: Jens K. Carl (KI-generiert).
Altersempfehlung: ab 4 Jahren.
Kleine Reihe: Das Waisenkind.
Fortsetzung von: Morgel und die Abenteuer in der Waldschule.
Regina Jürgens aus Lehrte, meiner besten Freundin
(*1968 – †2017).
Morgel und die Waldfee»Antony, Antony!«, ruft der achtjährige Tim verzagt in das kleine Birkenwäldchen hinein. Genau dort, wo er die Tage zuvor den Hundewelpen Paschinka zurücklassen musste und den Zauberhund Antony vom Leinetal antraf. Tims Rachen schmerzt. Er ist heiser. Kein Wort kommt aus ihm heraus. Seine Stimme krächzt wie eine alte Autohupe. Ihm ist, als stecke ein fetter Kloß im Hals. Der Zauberhund hatte doch versprochen, dass sie sich alle hier wiedersehen werden, falls er nach ihnen ruft. Wo bleiben sie nur?, fragt sich Tim. |

Verzweifelt und ermüdet setzt er sich auf den Baumstamm, der hier am Wegesrand liegt. Er stützt sein Gesicht auf die Hände und weint. Wie konnte es nur so weit kommen, schießt es Tim durch den Kopf. Er fühlt sich verlassen und allein.
Tim, der traurige HeldGut sechs Tage ist es her. Es war an seinem achten Geburtstag, als der Junge allein am Badewasser spazieren ging. Unten am Bach fand er einen grauen Sack, der mit einem dünnen Seil zugeschnürt war. Er zog ihn aus dem Wasser. Im Inneren piepste etwas laut und zuckte wild umher. Was das wohl für ein grausamer Mensch war, der so böse Dinge anstellte, fragte sich der Junge unentwegt. Wie aus heiterem Himmel riss plötzlich das Blätterdach über seinem Kopf auf und die Sonne warf ihre wärmenden Sonnenstrahlen direkt auf ihn und den Hundewelpen hinunter. Alles um ihn herum leuchtete auf einmal in satten Farben: die Bäume, die Sträucher, die Blumen, einfach alles. Die Luft schmeckte honigsüß. |

|
Tim spürte einen Lufthauch in seinen blonden Haaren, so, als würde etwas Unsichtbares um seinen Kopf herumflattern. Eine zarte Stimme flüsterte ihm etwas ins Ohr: ›Danke, du kleiner Held!‹ Wer da wohl sprach, wunderte sich Tim. Weit und breit war niemand zu sehen. Ach was, dachte er, das war bestimmt nur der Wind, der ringsum durch die Bäume strich und hin und wieder aufheulte. Paschinka soll der Hund von nun an heißen, war sich Tim sicher. So hieß auch sein Meerschweinchen, das er früher einmal besaß, als die Zeiten für ihn noch besser waren. Ihr gemeinsames Schicksal sollte die beiden von nun an zusammenschweißen. Tim lebt nämlich seit Kurzem in einem Kinderheim. Er ist ein Waisenkind. Da im Heim nun mal kein Tier gehalten werden durfte, versteckte er den Welpen hinter einem Holzverschlag am Waldesrand. Immer wenn es ihm möglich war, brachte er Futter und Wasser vorbei und tobte mit Paschinka umher. Er wusste, niemand durfte jemals erfahren, dass er von nun an einen Hund besaß, weder seine beiden Mitbewohner Leo und Jan noch Fräulein Wissmann, seine Betreuerin, und noch viel weniger die Heimleitung. Fräulein Wissmann, wie sie sich selbst zu nennen pflegt, arbeitet beim hiesigen Jugendamt und hat seit dem Autounfall, bei dem Tims Eltern tödlich verunglückten, dessen Betreuung übernommen. Zum Glück hat Tim ›eins a‹-Noten und kann hervorragend rechnen, schreiben und lesen. Er liebt Bücher und liest gern Märchen oder fantastische Geschichten. Am liebsten jedoch schaut Tim Filme über Pflanzen und Tiere. Nur Sport treiben, das mag er ganz und gar nicht. Allerdings fühlt sich Tim oft allein. Er versinkt dann in seiner eigenen kleinen Traumwelt. Dort ist er ein großer Held und kämpft gegen böse Zauberer und allerlei wildes Getier. |

|
Tim träumt auch davon, wieder eine Familie zu haben, ein eigenes Kinderzimmer und Freunde in der Nachbarschaft, mit denen er spielen kann. Seine Eltern haben ihm zwar einen Batzen Geld hinterlassen, aber er hat keinen Schimmer, was er damit anfangen soll, wenn er einmal groß ist.
In seinem Heimzimmer wohnen noch Leo und Jan. Zwei üble Kerle. Sie sind zwei Jahre älter als Tim. Er muss ihre Betten machen, das Zimmer für sie aufräumen und deren Hausaufgaben mit erledigen. Als ›Dank‹ dafür darf er die beiden ›Freunde‹ nennen. Obendrein muss er ihnen noch die Hälfte seines wöchentlichen Taschengeldes aushändigen. Eines Mittags folgten die beiden Jungen Tim und entdeckten ihn beim Gassigehen mit Paschinka. Sie stellten ihn zur Rede. Nur wenn er ihnen erlaube, auch mit dem Welpen spielen zu dürfen, würden sie ihn bei Fräulein Wissmann nicht verraten. Ihm blieb daher gar keine Wahl, und so überließ er den beiden den Hund. Mit einem Mal verdunkelte sich der Himmel. Schwere Gewitterwolken zogen auf und dumpfes Donnergrollen ließ den Waldboden erzittern. Ein Sturm kam auf. Windböen wirbelten das Laub auf, sodass man seine Hand nicht mehr vor Augen sah. Äste und Zweige flogen durch die Luft. Er zögerte nicht und nahm seinen ganzen Mut zusammen, schnappte den Welpen und rannte, so schnell er nur konnte, den Geizenberg hinauf. Die beiden Jungs folgten ihm auf ihren Fahrrädern. Als seine Verfolger bedrohlich näherkamen, versteckte er Paschinka im Dickicht, verknotete die Leine an einem Baum, bedeckte ihn mit Laub und lief davon, um die beiden von dem Welpen wegzulocken. An diesem Tag hatte er kaum etwas gegessen und noch viel weniger getrunken, da Leo am Morgen seinen Frühstückstee absichtlich umstieß und dieser über sein Essen und auf den Fußboden floss. Wie immer blieb er hungrig und durstig zurück. |

|
Als Tim erwachte, piepste es überall um ihn herum. Grelles, weißes Licht blendete seine Augen. Ist das der Himmel?, fragte er sich. Eine Frau mit langen, blonden Haaren beugte sich plötzlich über ihn. Sie war ganz in Weiß gekleidet und hatte eine fürchterlich laute Stimme. Sie rief unentwegt seinen Namen. Ihm dröhnte es in den Ohren. Tim sah sich um und entdeckte Fräulein Wissmann. Sie saß auf einem Stuhl neben seinem Bett und blätterte teilnahmslos in einer bunten Zeitschrift. Das kann nicht der Himmel sein, war Tim sich nun sicher. Wo bin ich hier?, wollte er von der Frau im weißen Kittel wissen. Sie gab ihm zu verstehen, dass er im Krankenhaus sei. Opa Kraushaar und seine Urmel, eine Langhaardackeldame, hatten ihn gestern auf einem Waldweg liegend vorgefunden und sofort die Rettung gerufen. Seitdem liege er hier im Krankenbett. Plötzlich schoss es Tim durch den Kopf: Was ist bloß mit seinem geliebten Paschinka passiert?, fragte er sich. Saß der kleine Hund noch immer dort im Dickicht und wartete auf seine Rückkehr? Fräulein Wissmann hielt ihm obendrein noch eine Standpauke. Sie machte Tim Vorwürfe, warum er am Tag zuvor nicht ausreichend gegessen habe und so leichtsinnig gewesen sei. Er wisse doch, dass er immer auf seine Blutzuckerwerte achten müsse. Er würde ihr nur Ärger bereiten. Er solle sich gefälligst ein Beispiel an seinen Mitbewohnern Jan und Leo nehmen, die sich stets anständig und diszipliniert benehmen würden. Gleich nach dem Mittagessen war es dann endlich so weit. Tim durfte das Krankenhaus verlassen. Ihm ging es nun wieder gut. Als er völlig abgehetzt im Birkenwäldchen ankam, war der Hund verschwunden. Er rief seinen Namen. Immer und immer wieder. Er radelte an der Siebenbuchenbank auf und ab. Er durchsuchte das Dickicht. Er kletterte auf einen alten Baumstamm, um Ausschau nach Paschinka zu halten. Doch der Welpe war nicht mehr zu sehen. Was sich dann ereignete, wisst Ihr sicher noch aus dem ersten Teil der zweiten Episode der Morgelgeschichten. Lies nun weiter, was danach geschah! Tim brach den Morgelschwur, welchen er gegenüber dem Zauberhund geleistet hatte, noch am selben Abend. Sein Kopf brummte von den Schlägen und der Bauch tat ihm weh. Immer wieder musste er sich mit seinem Arm die Tränen aus dem Gesicht und das Blut von der Lippe wischen. Sein Hals schnürte sich allmählich zusammen. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer und er bekam kaum noch ein Wort heraus. Tim ahnte ja nicht, dass er nach dem Schwurbruch mit einem Stimmenverzerrungszauber belegt worden war. Dieser Zauber nahm ihm die Luft und er hatte das Gefühl, als stecke ein großer Kloß in seinem Hals. Je näher er dem Birkenwäldchen kam, umso mehr ging seine Stimme verloren. Er war so für die Bewohner des Morgelwaldes nicht zu hören. Warum hört mich nur keiner?, fragte er sich. Tim verstand die Welt nicht mehr. Er war traurig und fühlte sich allein. Nachts lag er lange wach und grübelte. Albträume plagten ihn. Auch die Schule interessierte ihn nicht mehr. Teilnahmslos ließ er die Schikanen Leos und Jans über sich ergehen. Niemandem konnte er sich anvertrauen. Niemand hätte ihn verstanden. Tim entschloss sich dennoch, jeden Tag an die Stelle im Birkenwäldchen zurückzukehren. Er hoffte darauf, dass sich der Zauberhund doch noch eines Tages hier zeigen würde. Tims wundersame Begegnung im MorgelwaldAuch heute sitzt Tim wieder auf dem alten Baumstamm im Birkenwäldchen, so wie die ganzen Tage zuvor. Völlig in Tränen aufgelöst, stützt er sein Gesicht auf die Hände. Sein Hals schmerzt hier oben an diesem Platz umso mehr. Am liebsten würde er von hier abhauen, auswandern und dem Kinderheim für immer den Rücken kehren. Doch wo soll er hin? Was würde dann aus Paschinka werden? |

|
Die wirren Gedanken sind schlagartig verflogen, als ein greller Blitz auf ihn herniederfährt. Eine hell leuchtende, glitzernde Wolke aus sonderbarem Staub umhüllt seinen Körper.
Tim ist ganz benommen. Sein Gesicht glüht, die Wangen beben. Seine Arme und Beine zittern wie Espenlaub. Er ist geblendet. Alles um ihn herum leuchtet plötzlich in satten Farben, das Grün der Pflanzen, das Blau des Himmels. Die Luft ist sauber und schmeckt honigsüß. Von überall her fliegen ihm lautstark die Stimmen der Tiere, die Gesänge der Vögel, das Wispern der Insekten und das Grollen der Bäume und Sträucher zu. Selbst die Früchte am Boden sprechen zu ihm. Er kann sie mit einem Mal alle hören. Da, wo eben noch karge Birken standen, ragen riesige, gesunde Birken, Buchen, Eichen, Kiefern und Tannen weit in den Himmel hinauf. Pilze, so groß wie Tische, stehen allerorts. Am Boden blühen zwischen prächtigen Farnen unzählige Blumen und Sträucher, an denen riesige, pralle Früchte und Beeren hängen. Eine leise, zarte Stimme spricht zu ihm: »Nach wem ruft euereiner denn da, kleiner Herr?« |

|
»Nun atmet erst einmal tief durch und erzählt meinereiner, was euereiner widerfahren ist. Das Beste wird sein, euereiner sagt meinereiner zuerst, wie euereiner heißt, kleiner Herr.« Der Junge holt kräftig Luft und presst sie wieder heraus. »Ich heiße Tim«, antwortet er. »Ich bin auf der Suche nach einem Zauberhund. Sein Name ist Antony.« »Was begehrt euereiner von diesem Zauberhund?«, fragt die Waldfee nach. Dann erzählt Tim der Fee seine ganze Geschichte. Sie hört ihm aufmerksam zu. Gerade als Tim mit seiner Erzählung zum Ende kommt, taucht, wie aus dem Nichts, der Waldkobold Morgel am Birkenwäldchen auf. Er ist schnellstens hierhergeeilt, da plötzlich in der Wurzelhöhle alle Alarmglocken schellten. Das passiert immer genau dann, wenn ein fremdes Wesen den unsichtbaren Zauberbann der beiden Zaubertannen Albasol und Albamon durchbricht und in das Innerste des Morgelwaldes eindringt. »Waldfee Regina, ihr hier?«, fragt Morgel verdutzt nach und verbeugt sich, hutschwenkend, vor ihr. »Seid willkommen, holde Waldfee! Und wer ist dieser Eindringling?« »Warte kurz hier, Tim! Wir müssen uns beraten, was wir mit dir anstellen werden«, spricht Morgel und nimmt die Fee zur Seite. |

|
»Was soll nun mit diesem Tim geschehen?«, fragt der Kobold flüsternd der Fee ins Ohr. »Er hat uns gesehen und mit uns gesprochen. So können wir ihn nicht ziehen lassen.« »Deinereiner hat natürlich recht«, stimmt Regina zu. »Verwandeln wir den kleinen Herren doch einfach in einen Kobold, so wie deinereiner einer ist.« »Nee, nee, das geht gar nicht!«, lehnt Morgel ihren Vorschlag vehement ab. »Erstens ist der Knabe viel zu jung und unerfahren und zweitens binde ich mir doch in meinem Alter keinen Koboldlehrling mehr ans Bein.« »So alt ist deinereiner nun auch noch nicht. In Koboldsäkulums gerechnet, ist deinereiner quasi noch nicht einmal aus den Flegeljahren raus«, gibt Regina dem Kobold zu verstehen. »Oh, danke, wie schmeichelhaft. Wie dem auch sei, er muss zurück in seine Welt, in die Welt der Menschen, und das am besten sofort. Ich weiß zwar noch nicht, warum, aber ich habe so eine Ahnung, dass er uns dortzulande zukünftig eher von Nutzen sein könnte.« »Deinereiner hat es gehört, dort ist der kleine Herr aber schutzlos den anderen beiden kleinen Herren ausgeliefert. Und was wird aus seinereiner Paschinka?«, fragt Regina nach. »Wir sollten den kleinen Herren von der Pein und der Knechtschaft der anderen beiden kleinen Herren befreien.« Tim nutzt die Zeit und schlendert ein wenig zwischen den Bäumen hin und her. Plötzlich vernimmt er ein Rascheln zwischen den Farnen. Blätter wiegen sich hin und her. Was ist das?, fragt er sich und bemerkt, dass eine große, kribbelbunte Waldschnecke auf ihn zuschlittert. Deren Schneckenhaus ist so groß wie ein Riesenkürbis und sicher auch so schwer, bemerkt der Junge. Die Schnecke ist so riesig, dass ihm ihre Fühler mit den schwarzen Augen bis zur Stirn reichen. |

|
»Du Tölpel! Kannst du nicht aufpassen, wo du hintrittst?«, faucht Kunigunde ihn an. Dann aber atmet sie tief durch und saugt den Erdbeerduft in sich hinein. »Schnuppere doch mal, was für ein Wohlgeruch. Mmh, wie frisches Erdbeerkompott.« Die Schnecke schlittert ganz dicht an Tims Sandalen vorüber und hinterlässt eine dicke Schleimspur an dessen Sohlen. Danach macht sich Kunigunde über die Reste der Erdbeere her und schleckt alles in Windeseile auf. Noch ehe sich Tim versieht, verschwindet die Schnecke so schnell, wie sie gekommen war, im Dickicht des Birkenwäldchens. Das war sicher eine Zauberschnecke, denkt er noch. Zauberhunde, Zauberschnecken, Feen und Kobolde – was ist das für eine fantastische Welt, fragt er sich. Am liebsten würde ich für immer hier leben wollen. Wenig später kommen die Waldfee und der Kobold zurück. Noch ehe Tim seinen Wunsch, hierbleiben zu wollen, äußern kann, hält ihm Regina ihren gläsernen Zauberstab vors Gesicht. Ein grelles Licht blendet kurz seine Augen. Wie vom Blitz getroffen ist der Junge aus dem Morgelwald verschwunden und schon sitzt er wieder auf dem alten Baumstamm in dem kärglichen Birkenwäldchen. Tim und seine PeinigerTim hebt seinen Kopf und sieht sich um. Warum bin ich hier im Wald? Wie bin ich hierhergekommen?, fragt er sich. Er schaut an den Himmel. Oje, es ist schon Nacht. Ich muss wohl eingeschlafen sein und geträumt haben, denkt er sich. Na, das gibt wieder Ärger. |

|
Dort erwartet ihn bereits Fräulein Wissmann und schimpft: »Wir sprechen uns morgen früh, das hat ein Nachspiel!« Mit einem strengen Blick schickt sie ihn sofort zu Bett. Zuvor soll er sich gefälligst noch waschen und Zähne putzen, seine schmutzigen Sandalen putzen und die stinkende Wäsche einweichen, gibt sie ihm mit einem Fingerzeig zu verstehen.
Tim zieht sich sogleich in sein Zimmer zurück. Ihm knurrt der Magen. Er verspürt Hunger. Zum Glück hat er auf seinem Schrank noch ein paar vertrocknete Kekse versteckt, welche er schnell in sich hineinstopft. Kaum dass Tim eingeschlafen ist, wird er von Leo unsanft geweckt: »Mach das Zimmer sauber und putze unsere Schuhe. Los jetzt! Morgen früh ist Zimmerkontrolle angesagt.« |

|
In diesem Augenblick tauchen über Tim zwei furchterregend rot blitzende Augen auf. Danach wird ein mit grauem Fell bewachsenes Antlitz sichtbar. Es knurrt Leo an und fletscht die Zähne dabei. Leo lässt vor Schreck Tims Arm los und stolpert zwei Schritte zurück. Er stürzt längelang zu Boden. »Was ist das? Ist das ein Ungetier?« Ihm schnürt es mehr und mehr den Hals zu und er krächzt: »Ich flehe dich an, tue mir nichts!« »Was ist das?«, fragt Jan, der schnell versucht, sich im Kleiderschrank zu verkriechen. »Pass auf, Jan! Dort neben Tim, ein grausiges Ungetier«, warnt Leo, dessen Gesicht von Furcht gezeichnet ist. »Tim, Tim, sag diesem Ding, es soll auf der Stelle verschwinden! Ich lasse dich auch für immer in Ruhe! Versprochen! Hilf mir, Tim!«, fleht Leo ihn an. Tim erhebt sich vom Bett, schaut sich um und spricht: »Ich weiß zwar nicht, was du da zu sehen glaubst, Leo, aber dann vertreibe ich das Untier eben. Husch, husch! Weg von hier, du Ungetier! Husch, husch!«, ruft er laut in den Raum und wedelt dabei mit den Armen hin und her. Der Wächter zieht sich daraufhin zurück und dessen Antlitz verschwindet so schnell, wie es gekommen war. »Ich nehme dich beim Wort, Leo. Von nun an lasst ihr beiden mich in Ruhe und eure Sachen räumt ihr in Zukunft selbst auf. Auch werde ich eure Hausaufgaben nicht mehr erledigen«, gibt Tim mit geschwollener Brust und ernster Miene den beiden zu verstehen. »Habt ihr mich verstanden? Ansonsten rufe ich das Ungetier wieder herbei.« Am nächsten Morgen sind Leo und Jan wie umgewandelt. Als Tim erwacht, ist das Zimmer aufgeräumt und es blitzt von oben bis unten. Bei der Zimmerkontrolle erhalten die drei von Fräulein Wissmann ein dickes, fettes Lob. Auch das Fräulein ist auf einmal überfreundlich und Tim erlebt das erste Mal, dass ihr ein Lächeln übers Gesicht huscht. Beim gemeinsamen Frühstück fragt Jan Tim noch: »Möchtest du deinen Paschinka nicht hier im Heim wohnen lassen?« Die Gemeinschaft wächst weiterUnterdes ruft Morgel alle Gefährten der Gemeinschaft am Komstkochsteich an der Wurzelhöhle zusammen, um von der heutigen Entscheidung des Ältestenrates zu berichten: »Nun ist einige Zeit vergangen und Paschinka hat sich hervorragend bei uns eingelebt. Da er erst wenige Wochen alt ist, muss er noch vieles lernen und vor allerlei Gefahren geschützt werden. Es ist daher nicht geboten, ihn wieder in die Obhut der Menschen zu übergeben. Unser lieber Antony vom Leinetal wird sich weiterhin seiner annehmen und Paschinka wird ab sofort die Waldschule des Lehrers Dachs besuchen. Aus diesen Gründen ist der Ältestenrat zu dem Entschluss gekommen, Paschinka als ein festes Mitglied der Gemeinschaft aufzunehmen. Seid ihr damit einverstanden?« |

|
»Tritt bitte vor, Paschinka«, fordert der Kobold ihn auf. »Tut das auch nicht weh?«, fragt der Welpe verschüchtert. Morgel beugt sich daraufhin zu ihm hinunter und flüstert in dessen Ohr: »Das kribbelt ein wenig. Es wird dir sicher gefallen.« Der Kobold zieht sodann seinen Zauberstab heraus und tippt damit Paschinka auf die Stirn. Ein blaufunkelndes Licht erscheint und tanzt um dessen Kopf herum. Eine Wolke aus silberglänzendem Sternenstaub umhüllt seinen Körper und steigt danach empor. »Huch, das kitzelt ja wirklich überall«, kichert der Hund vor sich hin. »Pssst! Du musst still sein«, ruft ihm Antony von hinten zu. »Du bist von nun an ein Gefährte der Gemeinschaft am Komstkochsteich«, spricht Morgel die Zauberformel. »Solange du das thüringische Land nicht verlässt, ist dir ewiges Leben vergönnt. Die Gemeinschaft wird stets für dich sorgen, dir Frieden und Sicherheit bieten. Sei von Herzen willkommen!« Ende! Ob Tim die Waldfee Regina, den Waldkobold Morgel, den Zauberhund Antony vom Leinetal oder Paschinka irgendwann einmal wiedersehen wird und ob es Antony gelingt, Paschinka zu einem pfiffigen Hund zu erziehen, erfährst du in einer der nächsten Geschichten, die sicher irgendwann einmal auch für dich hier erzählt werden. Bleib voller Neugier! |
Kleine Reihe: Das Waisenkind.
Fortsetzung in: Morgel und die Waldfee.
Erfahre mehr über die Morgel-Lieder aus den Morgelgeschichten.
Erfahre mehr über die Figuren, Dinge und Orte in den Morgelgeschichten.
Erfahre mehr über die Zaubersprüche in den Morgelgeschichten.
Erfahre mehr über den Autor und Illustrator der Morgelgeschichten.
Überarbeitung des Textes und Neugestaltung der Illustrationen am 15.07.2025.

Rund um die Morgelgeschichten:








Pingback:Episode 2: Morgel und die Waldfee – Edition Märchenhaftes Thüringen
„Morgel und die Waldfee“ entführt dich an einen zauberhaften Sommerabend im Thüringer Wald, wenn Morgel, der liebenswerte Waldkobold, und Regina, die entzückende Waldfee, auf den geheimnisvollen Waisenknaben Tim stoßen. Die erste Begegnung glitzert vor kindlicher Neugier und staunender Magie.
Jens K. Carl verwebt mit spielerischer Leichtigkeit Themen wie Mobbing, Mut und Mitgefühl. Tim, der verstoßene Junge aus dem Heim, findet in Paschinka dem Welpen, und in Morgels Freundschaft eine neue Zuversicht. Die stimmungsvollen, farbigen Illustrationen schenken jeder Szene zusätzlichen Zauber und laden beim Vorlesen zum Träumen ein.
Die dritte Morgelgeschichte, Morgel und die Waldfee, setzt die zauberhafte Erzähltradition von Jens K. Carl fort und knüpft an die vorherige Geschichte Morgel und die Abenteuer in der Waldschule an.
Die Handlung dreht sich um den achtjährigen Tim, der einen Hundewelpen rettet und sich plötzlich in einer magischen Welt wiederfindet. Die Geschichte entfaltet sich mit einer Mischung aus Spannung und Fantasie, während Tim auf geheimnisvolle Weise mit einer Waldfee, einem Waldkobold und anderen magischen Wesen in Kontakt tritt.
Carl bleibt seinem liebevollen und bildhaften Schreibstil treu. Die Sprache ist poetisch und atmosphärisch, wodurch die märchenhafte Stimmung perfekt eingefangen wird. Besonders beeindruckend ist die emotionale Tiefe der Geschichte, die das Thema Mobbing, aber auch Mitgefühl und Hoffnung aufgreift.
Morgel und die Waldfee ist eine wunderbare Fortsetzung der Morgelgeschichten und eignet sich hervorragend für junge Leser ab vier Jahren sowie für Erwachsene, die sich von märchenhaften Erzählungen verzaubern lassen möchten. Wer bereits die vorherigen Morgelgeschichten mochte, wird auch diese mit Freude lesen.
Der Band 1 der Morgelgeschichten ist wunderschön. Mein Sohn kann nicht genug davon bekommen. Letztens waren wir am Komstkochsteich unterwegs. Er glaubte, den Morgel dort hinter den Büschen entdeckt zu haben. 😀
Ich finde diese Geschichte sehr schön. Das erinnert mich auch an meinen Vater, der ein sehr guter Geschichtenerzähler war. Am Sonntag, war manchmal unsere Veranda voll besetzt, auch Kinder aus der Nachbarschaft, sassen am Boden und lauschten dem Märchen von meinem Vater. Man hätte eine Nadel fallen hören. Es war eine schöne Zeit. Machen Sie weiter so! Viel Erfolg wünsche ich. Anita Sch.
Mobbing & Märchen.
Märchen nehmen meist ernsthafte Themen aus dem Alltag auf. Dieser Teil der Morgelgeschichten beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Mobbing. Wer schon einmal ein Mobbingopfer war, hat sich sicher einen solchen märchenhaften Wächter an die Seite gewünscht, um sich aus einer aussichtslosen Situation zu befreien, so wie in dieser Geschichte beschrieben. Die Sprache ist kindgerecht und einfach.
Werter Herr Carl. Mit Begeisterung lese ich Ihre Morgelgeschichten. Ich halte diese für sehr gelungen. Sehr modern und nahe am Puls der Zeit. Das erwartet man von einem Märchen eher weniger. Wie ich im Allgemeinen Anzeiger lesen konnte, suchen Sie einen geeigneten Verlag. Viel Glück dabei.