Morgel und die Waldfee (Teil 3 der Morgelgeschichten)

5
(45)


Morgelgeschichte 3 - Morgel und die Waldfee

Im Gedenken an Regina J. aus Lehrte, meiner guten Freundin
(*1968 – †2017).

Autor: Jens K. Carl,
Illustrator: Jens K. Carl
.

Morgel und die Waldfee

  • Tim, der traurige Held
  • Tims wundersame Begegnung im Zauberwald


Auch heute sitzt Tim wieder auf dem alten Baumstamm im Birkenwäldchen, so wie die ganzen Tage zuvor. Völlig in Tränen aufgelöst stützt er sein Gesicht auf die Hände. Sein Hals schmerzt.
Am liebsten würde er von hier abhauen und dem Kinderheim für immer den Rücken zukehren. Doch wo soll er hin, fragt er sich. Was würde dann aus Paschinka werden?

Die wirren Gedanken sind schlagartig verflogen, als ein greller Blitz auf ihn herniederfährt. Eine hell leuchtende, glitzernde Wolke aus Sternenstaub umhüllt seinen Körper.
Tim ist ganz benommen. Sein Gesicht glüht, die Wangen beben. Seine Arme und Beine zittern wie Espenlaub. Alles um ihn herum leuchtet plötzlich in satten Farben, das Grün der Pflanzen, das Blau des Himmels. Die Luft ist sauber und schmeckt süß wie Honig. Von überall her fliegen ihm lautstark die Stimmen der Tiere, die Gesänge der Vögel, das Wispern der Insekten und das Grollen der Bäume und Sträucher zu. Er kann sie mit einem Mal alle hören. Da, wo eben noch karge und kranke Birken standen, ragen riesige und unversehrte Birken, Tannen, Kiefern, Buchen und Eichen weit in den Himmel hinauf. Am Boden blühen zwischen prächtigen Farnen unzählige Blumen und Sträucher, an denen riesige, pralle Früchte und Beeren hängen.

Eine leise, zarte Stimme spricht zu ihm: »Nach wem ruft euereiner denn da, kleiner Herr?«
Vor Tims Augen schwirrt ein winziges Wesen auf und ab. Kaum größer als eine Libelle. Es ist in ein glitzerndes Gewand gehüllt, hat hauchdünne Flügel und einen gläsernen Stab in der Hand.
Träume ich, denkt Tim und fragt mit krächzender Stimme: »Was ist gerade geschehen? Sie können mich hören? Wo bin ich hier und wer sind sie?«
»Unsereiner heißt Regina und ist eine Fee des Waldes. Unsereiner ist hier im Morgelwald zu Hause. Wo sonst! Unsereiner beobachtet euereiner schon eine ganze Weile«, antwortet sie und befreit Tim mit einem Handstreich von dem Stimmenverzerrungszauber. »Warum hat man euereiner mit diesem sonderbaren Zauber belegt?«
»Eine echte Fee?«, ist der Junge erstaunt und reibt sich dabei die Augen. Plötzlich muss er husten, plustern und würgen, bis ihm in der Tat ein faustdicker Kloß aus dem Halse hüpft, welcher dann im hohen Bogen einer Böschung hinunter kugelt und dort irgendwo zwischen den dicken Bäumen und Farnen verschwindet. »Was war das denn?«, ruft er noch hinterher.
»Nun atmet erst einmal tief durch und erzählt unsereiner, was euereiner widerfahren ist. Das Beste wird sein, euereiner sagt unsereiner zuerst, wie euereiner heißt, kleiner Herr.«
Der Junge holt kräftig Luft und presst sie wieder heraus. »Ich heiße Tim«, antwortet er. »Ich bin auf der Suche nach einem Zauberhund. Sein Name ist Antony vom Leinetal.«
»Was begehrt euereiner von diesem Zauberhund?«, fragt die Waldfee nach.
Dann erzählt Tim der Fee seine ganze Geschichte. Sie hört ihm aufmerksam zu.

Gerade als Tim mit seiner Erzählung zum Ende kommt, taucht, wie aus dem Nichts, der Waldkobold Morgel am Birkenwäldchen auf. Er ist schnellstens hierhergeeilt, da plötzlich in der Wurzelhöhle alle Alarmglocken schellten. Das passiert immer genau dann, wenn ein fremdes Wesen die unsichtbare Barriere durchbricht und in das Innerste des Morgelwaldes eindringt.

»Waldfee Regina, ihr hier?«, fragt Morgel verdutzt nach und verbeugt sich hutschwenkend vor ihr. »Seid willkommen, holde Waldfee! Und wer ist dieser Eindringling?«
»Unsereiner ist erfreut, deinereiner zu sehen, Munk Orgu-Telas, Fürst des Waldes!«, erwidert Regina. »Seinereiner behauptet, Tim zu heißen und den Zauberhund Antony vom Leinetal zu kennen.«
»Tim, Tim? Müsste mir der Name irgendetwas sagen?«, überlegt der Kobold und kratzt sich dabei an der Stirn. »Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dessen Bekanntschaft gemacht zu haben. Kann es sein, dass ich langsam vergesslich werde? Eyers-maners-duers, noch einmal!«
»Der Zauberhund hat mir meinen Paschinka weggenommen«, ruft Tim noch dazwischen.
»Paschinka? Ja, einen Paschinka kenne ich. Er ist gesund und munter und lebt bei mir in der Wurzelhöhle. … Ach, der Tim, der, der einen Morgelschwur geleistet hat«, erinnert sich der Kobold nach einer Weile. »Stimmt, Antony hat mir auch von dir erzählt.«
»Ach, dieser komische Schwur. Das ist doch nur Kinderkram«, winkt Tim ab.
»Nur Kinderkram? Eyers-maners-duers, erst noch!«, schimpft Morgel erbost los. »Was glaubst du wohl, warum dich keiner mehr hören konnte und warum Antony sich nicht gezeigt hat. Du hast den Schwur gebrochen! Wem hast du von uns erzählt? Sprich rasch!«
»Ich? Niemandem«, antwortet der Junge und senkt verlegen seinen Kopf.
»Lüge uns nicht an. Wer weiß vom Zauberhund?«, bohrt Morgel nach.
»Meine Freunde, Leo und Jan. Sie wollten auf Biegen und Brechen wissen, wo ich Paschinka versteckt habe. … Die haben mich geschlagen. Hier schau, mein Zahn ist ganz locker! Ich musste ihnen vom Zauberhund erzählen.«
»Das sind dann sicher keine Freunde, wenn sie euereiner gehauen haben«, stellt die Waldfee fest. »So etwas machen wahre Freunde niemals.«
»Es tut mir ja leid, ich hätte den Zauberhund nicht verraten dürfen«, bricht Tim in Tränen aus. »Aber die beiden Jungs sind viel größer und stärker als ich.«
»Das war in der Tat nicht richtig! Wenn du jemandem etwas versprichst, dann musst du das Versprechen auch halten«, belehrt ihn der Kobold. »Ein Schwur ist wahrlich kein Kinderkram.«
»Das will ich mir von nun an merken. Versprochen!«, schwört Tim. »Bestraft ihr mich nun? Verwandelt ihr mich jetzt in ein wildes Tier oder gar in einen Stein?«
»Na so ein Unfug erst noch! Wie kommt euereiner denn auf so etwas?«, möchte die Waldfee wissen. »Euereiner schaut wohl zu viel Fernsehen?«
»Warte kurz hier, Tim! Wir müssen uns beraten, was wir mit dir anstellen werden«, spricht Morgel und nimmt die Fee zur Seite.

»Was soll nun mit diesem Tim geschehen?«, fragt der Kobold flüsternd der Fee ins Ohr. »Er hat uns gesehen und mit uns gesprochen. So können wir ihn nicht ziehen lassen.«
»Deinereiner hat natürlich recht«, stimmt Regina zu. »Verwandeln wir den kleinen Herren doch einfach in einen Kobold, so, wie deinereiner einer ist.«
»Nee, nee, das geht gar nicht!«, lehnt Morgel ihren Vorschlag vehement ab. »Erstens ist der Knabe viel zu jung und unerfahren und zweitens binde ich mir doch in meinem Alter keinen Koboldlehrling mehr ans Bein.«
»So alt ist deinereiner nun auch noch nicht. In Koboldsäkulums gerechnet, ist deinereiner quasi noch nicht einmal aus den Flegeljahren raus«, gibt Regina dem Kobold zu verstehen.
»Oh danke, wie schmeichelhaft. Wie dem auch sei, er muss zurück in seine Welt, in die Welt der Menschen, und das am besten sofort. Ich weiß zwar noch nicht wie, aber ich bin mir sicher, dass er uns dortzulande zukünftig eher von Nutzen sein könnte.«
»Deinereiner hat es gehört, dort ist der kleine Herr aber schutzlos den anderen beiden kleinen Herren ausgeliefert. Und was wird aus seinereiner Paschinka?«, fragt Regina nach. »Wir sollten den kleinen Herren von der Pein und der Knechtschaft der anderen beiden kleinen Herren befreien.«
»Wie stellt ihr euch das vor?«, möchte Morgel wissen. »Was Paschinka angeht, so bin ich der Meinung, dass er nach seinen schlimmen Erlebnissen besser hier im Morgelwald leben sollte. Dessen Erziehung ist noch längst nicht abgeschlossen. Ich neige dazu, dem Ältestenrat vorzuschlagen, den Welpen für immer in die Gemeinschaft am Komstkochsteich aufzunehmen.«
»Was Paschinka betrifft, ist unsereiner einverstanden. Was den kleinen Herrn betrifft, so wird unsereiner dem kleinen Herrn einen Wächter zur Seite stellen. Einen guten Dämon. Dieser wird den kleinen Herrn vor jeglichem Leid bewahren«, antwortet die Fee. »Unsereiner schwebt da auch schon ein passendes Abbild vor, und zwar Wolfshund Banjo. Deinereiner einstiger Weggefährte. Dieses Abbild sollte furchteinflößend genug sein, für des kleinen Herrn Peiniger.«
»Aha, ich verstehe. Er tritt immer dann rechtzeitig in Erscheinung, wenn man Tim etwas Böses tun will«, ist Morgel begeistert.
»Genau, und der kleine Herr hat keine Ahnung davon und denkt, die anderen kleinen Herren haben Respekt vor seinereiner bekommen. Also unsereiner ist entzückt von unsereiner Idee«, freut sich Regina und fliegt funkensprühend einmal um den Kobold herum. »Unsereiner wird dem kleinen Herrn schnurstracks einen Vergessenszauber auferlegen. Das seinereiner bisher Durchlebte wird ratzeputz ausgelöscht sein. Auch des kleinen Herren Paschinka wird seinereiner sogleich nicht mehr kennen.«
»Gut, dann sei es so!«, stimmt Morgel wohlwollend zu.

Ende der Leseprobe. Fortsetzung im eBook

Weitere Kapitel:

  • Tim und seine Peiniger
  • Die Gemeinschaft wächst weiter

Ob Tim die Waldfee Regina, den Waldkobold Morgel, den Zauberhund Antony vom Leinetal oder Paschinka irgendwann einmal wiedersehen wird und ob es Antony gelingt, Paschinka zu einem pfiffigen Hund zu erziehen, erfährst du in einer der nächsten Geschichten, die sicher irgendwann einmal auch für dich hier erzählt werden wird. Bleib voller Neugier!

Bestellen:

E-Books Teil 3 online kaufen - Hier klicken!
Gedrucktes Buch Teil 3 online kaufen - Hier klicken!
Hörbuch Teil 3 online kaufen - Hier klicken!
Morgelgeschichte 3 - Morgel und die Waldfee

Weiter geht es mit:

Morgel und der Schatz im Komstkochsteich (Teil 4)

Bitte bewerten Sie diese Geschichte:

Klicken Sie auf einen Stern, um eine Bewertung abzugeben.

Durchschnittliche Bewertung. 5 / 5. Stimmenzahl: 45

Bisher keine Stimmen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

3 Kommentare:

  1. Ich finde diese Geschichte sehr schön. Das erinnert mich auch an meinen Vater, der ein sehr guter Geschichtenerzähler war. Am Sonntag, war manchmal unsere Veranda voll besetzt, auch Kinder aus der Nachbarschaft, sassen am Boden und lauschten dem Märchen von meinem Vater. Man hätte eine Nadel fallen hören. Es war eine schöne Zeit. Machen Sie weiter so! Viel Erfolg wünsche ich. Anita Sch.

  2. Mobbing & Märchen.
    Märchen nehmen meist ernsthafte Themen aus dem Alltag auf. Dieser Teil der Morgelgeschichten beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Mobbing. Wer schon einmal ein Mobbingopfer war, hat sich sicher einen solchen märchenhaften Wächter an die Seite gewünscht, um sich aus einer aussichtslosen Situation zu befreien, so wie in dieser Geschichte beschrieben. Die Sprache ist kindgerecht und einfach.

  3. Werter Herr Carl. Mit Begeisterung lese ich Ihre Morgelgeschichten. Ich halte diese für sehr gelungen. Sehr modern und nahe am Puls der Zeit. Das erwartet man von einem Märchen eher weniger. Wie ich im Allgemeinen Anzeiger lesen konnte, suchen Sie einen geeigneten Verlag. Viel Glück dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.