Morgel und das verlotterte Märchenschloss (Episode 8 der Morgelgeschichten)

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Bildinhalt: Morgelgeschichte 8 - Morgel und das verlotterte Märchenschloss - Das Titelbild zeigt die eitle Elster Gloria I. vom Heßwinkelhof vor einem Barockspiegel auf dem Dachboden des Reinhardsbrunner Märchenschloss. Sie hat eine Perlenkette um und ein mit blauen Saphiren bestücktes Krönchen auf. Daneben liegt ein weinrotes, samtenes Nest, um das viel silberfarbener Schmuck, wie Ketten, Ringe, Bestecke, Tassen, Teller herumliegen. Es ist dunkel. Durch ein Dachfenster ist das Licht des Mondes zu sehen.

Autor: Jens K. Carl
Illustrationen: Jens K. Carl.
Altersempfehlung: ab 5 Jahren.

Widmung:
Diese Morgelgeschichte widme ich allen Beteiligten, die an der Enteignung des Schlosses Reinhardsbrunn aktiv mitgewirkt haben.
(2013-2021)

Was erwartet Dich:

Morgel und das verlotterte Märchenschloss“ ist eine märchenhafte Reise durch Verfall, Erinnerung und Zauberkraft.

Wenn der Herbstwind leise durch die Wipfel des Thüringer Waldes streicht und die silbernen Wellen des Komstkochsteiches flüstern, beginnt eine Geschichte, die tief in die Seele alter Gemäuer und vergessener Zeiten führt. Morgel, der Waldkobold, sitzt sinnend am Wasser, während die Natur um ihn herum in ihrer abendlichen Melodie versinkt. Doch ein unerwarteter Besuch bringt Unruhe in die friedliche Szenerie. Gloria I., eine verschrobene Elster, fleht um Hilfe. Ihr Schloss, einst ein Ort des Glanzes, ist vom Blitz getroffen und liegt nun in Trümmern.

Gemeinsam mit der weisen Waldfee Regina begibt sich Morgel auf eine Reise in das Herz eines verfallenen Märchenschlosses, das einst voller Leben, Licht und Legenden war. Die Mauern sprechen von vergangenen Festen, von geisterhaften Gestalten und von einem Zauber, der einst alles durchdrang. Doch jetzt herrschen Schatten, Nässe und das Echo vergessener Stimmen.

Inmitten des Verfalls begegnen sie alten Freunden – einem gelehrten Ratterich, einem scheuen Hasen und einer Gemeinschaft von Tieren, die das Schloss zu ihrem Heim gemacht haben. Die Fee entfacht mit ihrem Zauberstab eine Illusion der einstigen Pracht, und für einen Moment tanzen Licht und Erinnerung durch die Hallen.

Doch es bleibt nicht bei Träumerei. Mit einem uralten Zauberspruch ruft Morgel die Werkzeuge der Thüringer herbei – beseelte Hämmer, Nägel und Pinsel, die sich dem Wiederaufbau widmen. Ein kleines Hämmerchen namens Silas wird zum Helden der Nacht, während das Schloss unter magischer Hand zu neuem Leben erwacht.

Doch nicht alles ist Licht. Eine verborgene Tür, ein uralter Fluch und der Geist eines finsteren Jägers werfen dunkle Schatten auf das Vorhaben. Die Zeit drängt, denn mit dem ersten Sonnenstrahl muss das Werk vollbracht sein – und das Böse gebannt.

Morgel und das verlotterte Märchenschloss“ ist ein mystisches Märchen über Erinnerung, Gemeinschaft und die Kraft, selbst aus Ruinen Hoffnung zu schöpfen. Ein Zauber liegt über allem – und wer genau hinhört, kann ihn noch heute im Wind der Thüringer Wälder vernehmen.

Leseprobe:

Morgel und das verlotterte Märchenschloss

Es ist ein schöner, warmer Herbstabend. Tief in Gedanken versunken sitzt Morgel, der Waldkobold, am Ufer des Komstkochsteiches auf seinem Lieblingsstein. Hin und wieder lässt er einen Kiesel über die im Abendlicht silbern glänzende Wasseroberfläche des Teiches tanzen.

Dinco, der junge Bär, vernascht am gegenüberliegenden Ufer die letzten an den Sträuchern verbliebenen Waldbeeren. Die Spatzen Fridolin und Sparky spielen Fangen. Mit Karacho flattern die beiden durch das Gestrüpp des Unterholzes. Frosch Emerald quakt die Nachtruhe herbei und die Grillen zirpen um die Wette. Die anderen Gemeinschaftsmitglieder vom Komstkochsteich haben sich wie jeden Abend in alle Himmelsrichtungen verstreut, um entweder spazierenzugehen oder nach Essbarem zu suchen.

Über den Baumwipfeln leuchten hier und da Blitze auf und erhellen kurzzeitig den Himmel. Wenig später ist dumpfes Donnergrollen zu hören. Ganz in der Nähe tobt sich eine Gewitterzelle aus. Hier am Teich weht nur ein laues Lüftchen. Es lässt das herabfallende Laub tanzend zu Boden rieseln.

Der Waldkobold schwelgt gedanklich in früheren Zeiten, in denen er freudig mit seinem Gefährten Wolfshund Banjo durch die Thüringer Wälder und Flure streifte. Als sie zusammen im altehrwürdigen Kloster zu Reinhardsbrunn den Marktplatz unsicher machten und den Äbten Giselbert und Ernst so manchen Streich spielten. Als sie dem Landgrafen Ludwig dem Eisernen auf der Schauenburg das Fürchten lehrten. Als sie den Zauberer Dracabas aus den Katakomben der alten Wallburg am Baldrichstein vertrieben. Als Banjo den Grünrock Hubertus dazu verfluchte, für immer und ewig im Jagdschloss zu Reinhardsbrunn umherzugeistern. Das war wahrlich ein erquickliches Zeitalter, erinnert sich Morgel.

»Euereiner denkt wieder an Banjo, euereiner treuer Gefährte«, spricht Regina, die Waldfee. »Ich sehe es euereiner Nasenspitze an.«
»Ihr habt recht, meine liebe Fee«, seufzt der Kobold. »Was wird wohl aus ihm geworden sein? Ich habe seit seinem Weggang nichts mehr gehört von ihm. Nun ist er schon so lange fort von hier, um nach seinen Ahnen zu suchen.«
»Unsereiner alle vermissen Banjo«, tröstet ihn die Fee. »Eines Tages wird er sicher wieder hier erscheinen.«

Bildinhalt: Morgelgeschichte 8 - Morgel und das verlotterte Märchenschloss - Das Bild zeigt den Waldkobold Morgel und die Waldfee, wie sie in der Abenddämmerung übers Thüringer Land schauen und in der Vergangenheit schwelgen. In weiter Ferne ist ein Gewitter mit Blitzen zu beobachten. Plötzlich taucht aufgeregt die Elster Gloria auf.

Plötzlich taucht ein Vogel am Horizont auf und fliegt aufgeregt auf die beiden zu. Es ist Gloria I. vom Heßwinkelhof. Eine einfältige, schwatzhafte und diebische Elster, die es vor langer Zeit ins Reinhardsbrunnsche gezogen hat. Die schwarz- und weißgefiederte ist eitel und hält sich für eine verwunschene Prinzessin. Sie lebt seither standesgemäß im nicht weit entfernten Jagdschloss zu Reinhardsbrunn, um sich unter ihresgleichen, dem Thüringer Hochadel, zu amüsieren.

In einer entlegenen Ecke des Dachbodens richtete sie einst ein prunkvolles Nest für sich her, welches mit purpurfarbenem Samtstoff ausgekleidet ist. Ein mit Brillanten besetzter Handspiegel steht gleich daneben an der Wand, damit sie tagtäglich ihr Antlitz bewundern kann. Über die vielen Jahre hinweg hat Gloria dort allerlei blinkenden und glitzernden Krimskrams gehortet. Goldene Löffelchen, silberfarbene Gäbelchen, Ohrringe, Goldkettchen, ja sogar ein zierliches Diadem, sind darunter. Heutzutage, nachdem sich der Adel verzogen hat, sammelt sie eher Plastikbecher, Pappteller und Holzspieße.

Die Elster ist völlig aus dem Häuschen, denn heute Abend ist ein Unglück geschehen. Ein greller Blitz hat in das Schieferdach ihres Schlosses eingeschlagen und ein riesiges, klaffendes Loch hinterlassen. All das Metall- und Plastikzeugs, welches sie mühsam zusammengetragen hat, ist nun zu einem brodelnden Klumpen verschmolzen und mitsamt dem Vogelnest in die Tiefe gerauscht. Hagelkörner und Regen prasseln ungehindert bis in die unteren Etagen des Gemäuers und richten immense Verwüstungen an. Gloria konnte gerade noch so entkommen, um sich vor dem Unheil zu retten und Hilfe zu holen.

»Tschek-tschek-tschek! Schnell, schnell, schnell, edler Fürst des Waldes«, lärmt der Vogel völlig aufgelöst. »Ihr müsst retten mein Nest, meinen Schatz, meinen Palast. Alles kaputt!«
»Atmet erst einmal tief durch, liebe Elster. Nennt mich Morgel. Wie darf ich euch nennen, Werteste?«, fragt der Kobold.
»Prinzessin Gloria I. vom Heßwinkelhof. Und genau so möchte ich auch angesprochen werden«, antwortet die Elster etwas herablassend. »Aber ihr allein dürft mich gerne Gloria nennen, mein Fürst«, fügt sie noch wohlwollend hinzu.
»Nun sprecht geschwind. Was ist denn passiert mit eurem Palast?«, möchte Morgel wissen.
»Tschek-tschek-tschek! Ein Unglück ist geschehen«, antwortet Gloria aufgeregt und streckt ihren Flügel an die Stirn, um so zu tun, als drohe sie gleich in Ohnmacht zu fallen. »Kommt schnell und macht meinen Palast wieder heile.«
»Na gut, wir werden mitkommen und uns euren Palast einmal anschauen. Wo immer das auch sein soll«, spricht der Kobold, springt auf und bittet die Waldfee mit einem Handzeichen, ebenfalls mitzukommen.
Sogleich hält Regina ihren zierlichen, gläsernen Zauberstab gen Himmel und ruft: »Auf, geschwind und ohne Rast, geht es flink zum Märchenpalast!« …

Ende der Leseprobe!

Weitere Kapitel:

  • Das verfallene Gemäuer
  • Die wiederentdeckte Pracht
  • Die verzauberte Baustelle
  • Die pfiffige Gespensterjagd
  • Das prachtvolle Märchenschloss

Ob das Märchenschloss zu Reinhardsbrunn tatsächlich einmal wieder im altehrwürdigen Glanze erscheint, bleibt abzuwarten. Drücken wir den Menschen die Daumen und wünschen wir ihnen viel Glück.

Ob allerdings der Geist Hubertus seine Erlösung findet und ob wir das fleißige Thüringer Handwerkszeug nochmals bei der Arbeit erleben dürfen, erfährst Du sicher irgendwann einmal in einer der nächsten Morgelgeschichten, wenn diese hier für Dich erzählt werden. Bleib voller Neugier!

Überarbeitung des Textes und Neugestaltung der Illustrationen am 21.08.2025.

Rund um die Morgelgeschichten:

Morgelgeschichten - Das GlossariumDie Morgelgeschichten - Die Abenteuer des Waldkoboldes Morgel und seiner Freunde von Jens K. CarlDie Morgelgeschichten - Die Zaubersprüche

Die Morgelgeschichten - Der Autor

Kaufmöglichkeit:

Morgelgeschichten - TaschenbücherDie Morgelgeschichten - Die Abenteuer des Waldkoboldes Morgel und seiner Freunde von Jens K. CarlDie Morgelgeschichten - Malbücher

Die Morgelgeschichten - Elektronische Bücher

Die Morgelgeschichten - Morgel und das verlotterte Märchzenschloss

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4 Kommentare:

  1. Pingback:Episode 8: Morgel und das verlotterte Märchenschloss – Edition Märchenhaftes Thüringen

  2. Bert G. P. Tönnies

    „Morgel und das verlotterte Märchenschloss“ von Jens K. Carl ist ein fesselndes Werk, das die Leser in die märchenhafte Welt des Thüringer Waldes entführt. Die Geschichte dreht sich um das Jagdschloss zu Reinhardsbrunn, eine sagenumwobene Ruine, die einst auf den Mauern eines Benediktinerklosters errichtet wurde. Morgel und seine Freunde sind bestürzt über den Verfall des Schlosses und nehmen es sich zur Aufgabe, die ehrwürdigen Mauern zu neuem Glanz zu verhelfen1.

    Der Schreibstil von Carl ist lebendig und bildhaft, was die Magie der Handlung unterstreicht. Er nutzt eine Sprache, die sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht, und schafft es, die Leser mit den Abenteuern von Morgel und seinen Freunden zu fesseln. Die Geschichte ist mit vier märchenhaften Schattenrissen illustriert, die die Atmosphäre des Buches bereichern und die Fantasie anregen1.

    Insgesamt bietet „Morgel und das verlotterte Märchenschloss“ eine spannende und herzerwärmende Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken über den Erhalt historischer Stätten anregt.

  3. Bezaubernde Morgelgeschichten, wunderschön und mit viel Liebe geschrieben.
    Wenn man zwischendurch Mal kurz die Augen schließt, fühlt man sich eins mit der Geschichte, der Zeit und den Figuren. 🌞🌞🌞🌞🌞

  4. Bezaubernd und sehr liebevoll geschrieben. Ich konnte sofort eintauchen und war ganz mit dabei!

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