Morgel und die Waldfee (Teil 3)

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Morgelgeschichte 3 - Morgel und die Waldfee

Im Gedenken an Regina J. aus Lehrte, meiner guten Freundin
(*1968 – †2017).

Autor: Jens K. Carl,
Illustrator: Jens K. Carl
.

»Antony, Antony«, ruft Tim verzweifelt in das kleine Birkenwäldchen hinein. Genau dort, wo er die Tage zuvor den Hundewelpen Paschinka zurückließ und den Zauberhund Antony vom Leinetal antraf. Seine Stimme krächzt wie eine alte Autohupe, so, als hätte er einen Kloß im Halse stecken. Niemand hört seine Rufe. Niemand zeigt sich.
Der Zauberhund hatte doch versprochen, dass sie sich alle hier wiedersehen werden, falls er nach ihm ruft.
Wo bleibt er nur, fragt sich Tim.
Verzweifelt setzt er sich auf einen Baumstamm und stützt sein Gesicht in die Hände. Er muss weinen. Wie konnte es nur soweit kommen? Tausend Gedanken schießen Tim durch den Kopf.

Morgelgeschichte 3 - Morgel und die Waldfee

Was war geschehen?
Gut sechs Tage ist es her. Es war an seinem achten Geburtstag, als der Junge unten am Bach einen grauen Sack aus dem Wasser zog, der mit einem dünnen Seil zugeschnürt war. Im Inneren piepste und zuckte etwas.
Merkwürdig, dachte Tim. Was da wohl drinnen ist?
Er war überrascht darüber, darin vier Hundewelpen vorzufinden. Sie waren kaum größer als ein Eichhörnchen. Drei davon sind bereits ertrunken. Zum Glück lebte einer von ihnen noch. Und so rettete Tim wenigstens einem kleinen Rüden das Leben.
Was muss das wohl für ein grausamer Mensch sein, der so böse Dinge anstellt, fragte sich der Junge.
Plötzlich spürte er einen Lufthauch am Ohr und im Nacken. Eine zarte Stimme flüsterte ihm ›Danke, mein kleiner Held!‹ ins Ohr. Wer sprach da wohl, wunderte sich Tim. Weit und breit war niemand zu sehen. Ach was, das war bestimmt nur der Wind, der ringsum durch die Bäume streicht und hin und wieder aufheulte.

Paschinka soll der Hund von nun an heißen, war sich Tim sicher. So hieß auch sein Meerschweinchen, dass er früher einmal besaß, als die Zeiten für ihn noch besser waren. Tim lebt nämlich heute in einem Kinderheim. Er ist ein Waisenkind. Und da im Heim nun mal keine Tiere gehalten werden dürfen, versteckte er den Welpen hinter einem Holzverschlag am Waldesrand. Immer wenn es ihm möglich war, brachte er Futter und Wasser vorbei und tobte mit Paschinka umher. Er wusste, niemand durfte jemals erfahren, dass er von nun an einen Hund hat. Weder seine beiden Mitbewohner Leo und Jan noch Fräulein Wissmann, seine Ersatzmutter, und noch viel weniger die Heimleitung.

Fräulein Wissmann, wie sie sich selbst zu nennen pflegt, arbeitet beim hiesigen Jugendamt und ist seit dem Autounfall, bei dem Tims Eltern tödlich verunglückten, dessen Vormund.
Sie ist immer vornehm gekleidet, mit Hut und Handtäschchen. Und duften tut sie, als wäre sie in einen Bottich voller Toilettenwasser gefallen.
Von ihren Schützlingen, davon hat sie gleich drei hier im Heim, Jan, Leo und eben Tim, verlangt sie viel ab. Sie ist streng und legt großen Wert auf Disziplin, Ordnung und Bestleistungen in der Schule.

Zum Glück hat Tim super Noten und kann hervorragend rechnen, schreiben und lesen. Er liebt Bücher und liest gern Märchen, fantastische Geschichten und alles über Pflanzen und Tiere. Nur Sport treiben, das mag er ganz und gar nicht.
Allerdings fühlt sich Tim oft allein. Er versinkt dann in seine eigene kleinen Traumwelt. Dort ist er ein großer Held und kämpft gegen böse Zauberer und allerlei Getier.
Tim träumt auch davon, wieder eine Familie zu haben, ein eigenes Kinderzimmer und Freunde in der Nachbarschaft, mit denen er spielen kann. Seine Eltern haben ihm einen Batzen Geld hinterlassen, aber er hat keinen Schimmer, was er damit anfangen soll, wenn er einmal groß sein wird.

Auf seinem Heimzimmer wohnen noch Leo und Jan. Zwei üble Kerle. Sie sind vier Jahre älter als Tim. Er muss ihre Betten machen, das Zimmer aufräumen und deren Hausaufgaben erledigen. Er darf die zwei dann auch ›Freunde‹ nennen und als Dank dafür muss er ihnen noch die Hälfte seines wöchentlichen Taschengeldes abgeben.
Von all dem bekommt Fräulein Wissmann nichts mit, und wenn, würde sie es nicht glauben wollen, denn Leo und Jan sind ja ihre Lieblinge.

Eines mittags folgten die beiden Jungs Tim und entdeckten ihn, beim Gassi gehen mit Paschinka. Sie stellten ihn zur Rede. Nur wenn er ihnen erlaubte, auch mit dem Welpen spielen zu dürfen, würden sie ihn bei Fräulein Wissmann nicht verraten. Ihm blieb gar keine Wahl und so überließ er den beiden den Hund.
Sie warfen Paschinka immer wieder in die Höhe oder sich gegenseitig zu, zogen ihn an den Ohren und an den Beinen, sodass der kleine Hund weinte und schrie vor Angst.
Tim hörte auch diesmal eine zarte Stimme, die ihm ins Ohr flüsterte: ›Hilf ihm, du kleiner Held!‹. Er schnappte den Welpen und lief, so schnell er nur konnte, in den Wald. Die beiden Jungs folgten ihm auf ihren Fahrrädern. Als seine Verfolger immer näher kamen, versteckte er Paschinka im Dickicht, verknotete die Leine an einem Baum, bedeckte ihn mit Laub und rannte davon, um die beiden von dem Welpen abzulenken.

Doch plötzlich war Tim von der Hatz übel und schwindelig geworden. Er brach zusammen und fiel bewusstlos zu Boden. An diesem Tag hatte er noch nichts getrunken, da Leo am Morgen seinen Frühstückstee absichtlich umstieß und alles auf den Fußboden floss.

Als Tim erwachte, piepste es überall um ihn herum. Grelles, weißes Licht blendete ihn.
Ist das der Himmel, fragte er sich.
Eine Frau mit langen, blonden Haaren beugte sich plötzlich über ihn. Sie war ganz in Weiß gekleidet und hatte eine fürchterlich laute Stimme. Sie rief seinen Namen. Ihm dröhnte es in den Ohren.
Tim sah sich um und entdeckte Fräulein Wissmann. Sie saß auf einem Stuhl neben dem Bett und blätterte teilnahmslos in einer bunten Zeitschrift.
Das kann nicht der Himmel sein, war Tim sich nun sicher.
Wo er hier ist, wollte er von der Frau im weißen Kittel wissen. Sie gab ihm zu verstehen, dass er im Krankenhaus liegt. Ein alter Mann hatte ihn gestern auf einem Waldweg liegend gefunden und sofort die Rettung angerufen. Seitdem sei er hier.
Plötzlich schoss es Tim durch den Kopf. Was ist aus seinem geliebten Paschinka geworden, fragte er sich. Saß er noch immer dort im Dickicht und wartete auf seine Rückkehr. Er wurde unruhig und wollte flugs aufstehen, um in den Wald zu laufen. Doch unzählige Kabel, Schläuche und Fräulein Wissmann hielten ihn auf.

Am Nachmittag war es dann soweit. Tim konnte die Klinik endlich verlassen. Ihm ging es wieder besser. Er zog sich in Windeseile an, warf den Rucksack über die Schulter, schnappte sein Fahrrad, das ihm Fräulein Wissmann mitgebracht hatte, und radelte, so schnell er nur konnte, zum Geizenberg hinauf, um Paschinka zu suchen.
Als er völlig abgehetzt dort oben ankam, war der Hund verschwunden. Er rief nach ihm. Immer wieder. Er durchsuchte das Dickicht. Er kletterte auf einen alten Baumstamm, um besser sehen zu können. Doch der Welpe war weg.
Haben ihn Leo und Jan gefunden oder gar ein Fuchs. Tim war verzweifelt und fragte sich, was wohl schlimmer für den kleinen Paschinka sei. Er weinte.

Was dann geschah, wisst ihr sicher noch aus der zweiten Morgelgeschichte: ›Morgel und die Abenteuer in der Waldschule‹.
Tim glaubte, dort vier Geistern begegnet zu sein. Einer davon war der Zauberhund Antony vom Leinetal. Er erzählte dem Hund, dass er ins Krankenhaus kam und deswegen den kleinen Welpen hier im Wald zurücklassen musste. Und ihr wisst sicher auch noch, dass Tim einen Schwur leistete. Einen Morgelschwur. Einen, den man nicht brechen sollte.

Tim brach den Schwur noch am selben Tag.
Als er am Abend ins Heim zurückkehrte, zerrten die beiden Jungs, Leo und Jan, ihn in eine Ecke im Keller. Sie schlugen und brüllten so lange auf ihn ein, bis Tim verriet, dass Paschinka auf nimmer wiedersehen verschwand. Er erzählte ihnen auch vom Zauberhund Antony und den anderen Geistern im Birkenwäldchen.
Die beiden glaubten ihm kein Wort. Für sie ist Tim eh nur ein Spinner. Ein Fantast. Einer, der sich immer irgendwelche Schauermärchen ausdenkt.
Zum Glück kam der Hausmeister hinunter in den Keller und so ließen Leo und Jan sofort von dem Jungen ab und machten sich aus dem Staub.

Auch Tim blieb nur noch die Flucht. Er musste gleich im Wald den Zauberhund aufsuchen. So schnappte er sich sein Fahrrad und machte sich auf den Weg hinauf zum Geizenberg.
Von den Schlägen brummte sein Kopf und der Bauch tat ihm weh. Immer wieder wischte er sich mit seinem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und das Blut von der Lippe. Sein Hals schnürte sich allmählich zusammen. Er bekam kaum noch Luft und auch kein Wort heraus.
Tim ahnte ja nicht, dass er nach dem Schwurbruch mit einem Stimmenverzerrungszauber belegt war und man ihn von nun an nicht mehr hören konnte.

Über eine Stunde rief Tim nach Antony. Dann gab er auf und radelte zurück ins Heim.
Warum hört ihn nur keiner, fragte er sich.
Tim war traurig. Nachts lag er lange wach und grübelte. Auch die Schule interessierte ihn nicht mehr. Niemandem konnte er sich anvertrauen. Niemand hätte ihn verstanden.
Tim entschloss sich dennoch, jeden Tag an die Stelle im Birkenwäldchen zurückzukehren. Er hoffte darauf, dass der Zauberhund doch noch eines Tages hier wieder erscheint.

Morgelgeschichte 3 - Morgel und die Waldfee

Nun sitzt er da, auf dem alten Baumstamm, stützt verzweifelt sein Gesicht in die Hände und weint.
Wie aus heiterem Himmel fährt plötzlich ein greller Blitz auf ihn hernieder und hüllt ihn in eine hell leuchtende, glitzernde Wolke aus Sternenstaub.
Tim ist ganz benommen. Sein Gesicht glüht plötzlich. Seine Arme und Beine zittern. Alles um ihn herum leuchtet in satten Farben, das Grün der Pflanzen, das Blau des Himmels. Die Luft ist sauber und schmeckt süß wie Honig. Von überall her fliegen ihm lautstark die Stimmen der Tiere, die Gesänge der Vögel, das Wispern der Insekten und das Brummen der Bäume und Sträucher zu. Er kann sie alle verstehen. Da wo eben noch karge und kranke Birken standen, ragen jetzt riesige und gesunde Birken, Tannen, Kiefern, Buchen und Eichen weit in den Himmel hinauf. Am Boden blühen zwischen prächtigen Farnen unzählige Blumen und Sträucher, an denen riesige, pralle Früchte und Beeren hängen.

Eine leise, zarte Stimme spricht zu ihm: »Nach wem ruft Ihr da, mein kleiner Herr?«
Vor Tims Augen schwirrt ein winziges Wesen auf und ab. Kaum größer als eine Libelle. Es ist in ein glitzerndes Gewand gehüllt, hat hauchdünne Flügel und einen gläsernen Stab in der Hand. Träume ich, denkt Tim und fragt mit krächzender Stimme: »Was ist gerade geschehen? Wo bin ich hier und wer sind Sie?«
»Ich heiß Regina und bin eine Fee des Waldes. Wir sind hier im Morgelwald. Wo sonst! Ich beobachte Euch schon eine ganze Weile. Warum weint Ihr?«, antwortet sie und befreit Tim mit einem Handstreich von dem Stimmenverzerrungszauber.
»Eine echte Fee?«, ist der Junge erstaunt und reibt sich dabei die Augen. Plötzlich muss er husten, plustern und würgen, bis ihm in der Tat ein faustdicker Kloß aus dem Halse hüpft, welcher dann im hohen Bogen der Böschung hinunter kullert und dort irgendwo zwischen den dicken Bäumen und Farnen verschwindet. »Was war das denn?«, ruft er noch hinterher.
»Nun atmet erst einmal tief durch und erzählt, was Euch widerfahren ist. Das Beste wird sein, Ihr sagst mir zuerst, wie euer Name ist, mein kleiner Herr.«
Der Junge holt kräftig Luft und presst sie wieder heraus. »Ich heiße Tim«, antwortet er, »ich bin auf der Suche nach einem Zauberhund. Sein Name ist Antony vom Leinetal.« Dann erzählt Tim der Fee seine ganze Geschichte. Die Fee hört gespannt zu.

Morgelgeschichte 3 - Morgel und die Waldfee

Währenddessen taucht der Waldkobold Morgel am Ort des Geschehens auf. Er ist schnellstens hierhergeeilt, da plötzlich in der Wurzelhöhle alle Alarmglocken schellten. Das passiert immer genau dann, wenn ein Mensch die unsichtbare Barriere durchbricht und in das Innerste des Morgelwaldes eindringt.
»Waldfee, Ihr hier?«, fragt Morgel verdutzt nach und verbeugt sich hutschwenkend vor ihr. »Und wer ist dieser Eindringling?«
»Seid gegrüßt, Munk Orgu-Telas, Fürst des Waldes!«, erwidert Regina. »Der kleine Herr behauptet, Tim zu heißen, einen Welpen zu suchen und den Zauberhund Antony vom Leinetal zu kennen.«
»Tim, Tim? Müsste mir dies irgendetwas sagen?«, überlegt der Kobold und kratzt sich dabei an der Stirn. »Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dessen Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich glaube, ich werde langsam vergesslich.«
»Der Zauberhund hat mir meinen Paschinka weggenommen«, ruft Tim dazwischen.
»Paschinka? Ach, der Tim, der, der einen Morgelschwur leisten musste«, erinnert sich der Kobold. »Ja, einen Paschinka kenne ich. Er ist gesund und munter und lebt bei mir in der Wurzelhöhle. Antony hat mir auch von Dir erzählt.«
»Ach, dieser komische Schwur. Das war doch nur Kinderkram«, winkt Tim ab.
»Nur Kinderkram?«, fragt Morgel erbost. »Was glaubst Du wohl, warum Dich keiner mehr hören konnte und warum Antony sich nicht gezeigt hat. Wem hast Du von uns erzählt? Sprich rasch!«
»Ich? Niemandem«, antwortet der Junge und senkt verlegen seinen Kopf.
»Lüge uns nicht an. Wer weiß von uns?«, bohrt Morgel nach.
»Meine Freunde, Leo und Jan. Sie wollten wissen, wo ich Paschinka versteckt habe. Ich musste ihnen vom Zauberhund erzählen. Die haben mich geschlagen. Hier schau, mein Zahn ist ganz locker!«
»Dann sind das sicher keine Freunde, wenn die Euch schlagen«, stellt die Waldfee fest. »So etwas machen wahre Freunde nicht.«
»Es tut mir leid, ich hätte den Zauberhund nicht verraten dürfen«, bricht Tim in Tränen aus. »Aber die beiden Jungs sind viel größer und stärker als ich.«
»Das war in der Tat nicht richtig! Wenn Du jemandem etwas versprichst, dann musst Du es auch halten«, belehrt ihn der Kobold. »Ein Schwur ist sicher kein Kinderkram!«
»Ich will es mir von jetzt an merken«, schwört Tim. »Bestraft Ihr mich nun? Verwandelt Ihr mich in ein wildes Tier oder in einen Stein?«
»Na so ein Unfug erst noch! Wie kommt Ihr denn auf so etwas?«, möchte Regina wissen. »Ihr schaut wohl zu viel Fernsehen?«
»Warte kurz hier, Tim! Wir müssen uns beraten«, spricht Morgel und nimmt die Fee zur Seite.

»Was wollen wir nun mit dem Jungen anstellen?«, fragt der Kobold die Fee. »Er hat uns gesehen und mit uns gesprochen. So können wir ihn nicht ziehen lassen.«
»Ihr habt natürlich recht«, stimmt Regina zu. »Verwandeln wir ihn doch in einen Kobold, so, wie Ihr einer seid.«
»Ne, ne, das geht gar nicht!«, lehnt Morgel vehement ab. »Erstens ist der Knabe viel zu jung und unerfahren und zweitens binde ich mir doch keinen Koboldlehrling ans Bein. Er muss zurück in die Welt der Menschen und das am besten sofort. Dort könnte er uns zukünftig sicher eher mal von Nutzen sein.«
»Da wird er aber bedroht. Und was wird aus dem Hundewelpen?«, fragt Regina nach. »Wir sollten ihn von dieser Pein befreien.«
»Wie stellt Ihr Euch das vor?«, möchte Morgel wissen. »Paschinka bleibt hier im Morgelwald, das ist längst vom Ältestenrat der Gemeinschaft am Komstkochsteich beschlossen und besiegelt.«
»Das ist ja auch gut so. Ich werde ihm aber einen Wächter zur Seite stellen. Einen guten Dämon, welcher den kleinen Herren vor jeglichem Leid bewahrt«, antwortet die Fee. »Mir schwebt da auch schon ein passendes Abbild vor. Wolfshund Banjo, Euer alter Weggefährte. Er sollte furchteinflößend genug sein, für dessen Peiniger.«
»Aha, ich verstehe, er tritt immer dann in Erscheinung, wenn man Tim etwas Böses tun will«, ist Morgel begeistert.
»Genau, und der kleine Herr hat keine Ahnung davon und denkt, seine Mitmenschen haben vor ihm Respekt bekommen. Also ich bin entzückt von meiner Idee«, freut sich Regina und fliegt funkensprühend einmal um den Kobold herum.
»Gut, dann sei es so«, stimmt Morgel zu.

Tim blieb derweil wie versteinert an seinem Platz stehen.
Plötzlich raschelt es zwischen den Farnen. Blätter biegen sich hin und her. Was ist das, fragt er sich und bemerkt, dass eine fette Schnecke auf ihn zu schlittert. Ihr Schneckenhaus ist so groß wie eine Honigmelone. Und sicher auch so schwer, denkt sich der Junge. Ihre Fühler mit den schwarzen Augen reichen ihm fast bis zum Bauchnabel.
»Du stehst mir im Weg«, schimpft ihn das Tier an.
»Das tut mir leid, liebe Schnecke«, entschuldigt sich Tim und geht sogleich einen Schritt zurück. Dabei tritt er auf eine hühnereigroße Walderdbeere, die wie eine Wundertüte aufplatzt. Ihr Saft und das purpurrote Fruchtfleisch spritzen überall umher. »Mmhh, schnupper mal«, ruft die Schnecke ihm zu, »das duftet ja, wie frisches Erdbeerkompott!«
Das Tier rutscht ganz dicht an einem von Tims Schuhen vorbei und hinterlässt eine dicke Schleimspur daran. Dann macht es sich über die Reste der Erdbeere her und verschwindet, so schnell wie es gekommen war, wieder im Wald.

Wenige Zeit später kommen die Waldfee und der Kobold zurück. Ohne ein Wort zu verlieren, hält Regina Tim ihren gläsernen Zauberstab vors Gesicht. Ein greller Lichtschein blendet kurz seine Augen und schon ist der Junge aus dem Morgelwald verschwunden und er sitzt wieder auf dem alten Baumstamm in dem Birkenwäldchen.

Er hebt den Kopf und sieht sich um. Warum bin ich hier im Wald? Wie bin ich hierhergekommen, fragt er sich. Was war geschehen?
Tim schaut auf die Uhr. Fast schon Mitternacht. Ich muss eingeschlafen sein, denkt er sich. Na, das gibt wieder Ärger.
Der Junge schnappt sich sein Fahrrad und radelt, so schnell er kann, zurück ins Kinderheim. Dort erwartet ihn bereits Fräulein Wissmann. Ohne ein Wort zu sprechen, schickt sie ihn sofort zu Bett. Zuvor möchte er aber noch seine schmutzigen Schuhe putzen, gibt sie ihm mit einem Fingerzeig zu verstehen.

Tim knurrt der Magen. Er verspürt Hunger. Zum Glück, liegen auf seinem Schrank noch ein paar vertrocknete Kekse herum.
Dann macht er sich über die Schuhe her. Etwas verblüfft betrachtet er die Schleimschicht an dem einen Schuh. Dicker, klebriger Schleim. Wie mag der wohl dort hingekommen sein, fragt er sich. Als er den Klipper mit einem Lappen abwischen will, blitzt für einen kurzen Moment das Bild einer Schnecke vor seinen Augen auf, welche an einer riesigen Walderdbeere herumknabbert. Was war das denn, wundert sich Tim. Er berührt den Schleim ein zweites Mal. Wieder erscheint für einen Bruchteil einer Sekunde dieses Bild.
Seltsam, denkt Tim. Was hat es damit wohl auf sich? Das Putzen muss warten, entscheidet er und verstaut die Schuhe tief am Boden seiner Klamottentruhe, die er unter dem Bett stehen hat. Er geht schlafen.

Kaum, dass Tim eingeschlafen ist, wird er von Leo geweckt: »Mach das Zimmer sauber und putze auch unsere Schuhe. Los jetzt! Morgenfrüh ist Zimmerkontrolle angesagt.«
»Ich bin müde, lass mich schlafen«, murmelt Tim unter seiner Zudecke, »ich werde das nach dem Aufstehen erledigen.«
»Du machst das jetzt! Los, raus aus den Federn!«, brüllt Leo Tim an und greift nach dessen Nachthemd, um ihn mit Gewalt aus dem Bett zu zerren.
In diesem Augenblick tauchen neben Tim zwei furchterregende, rot blitzende Augen und ein mit grauem Fell bewachsenes Antlitz mit großer Schnauze und fletschenden Zähnen auf. Es ist Banjo, Tims neuer Wächter. Er knurrt Leo an.
Leo lässt erschrocken das Hemd los und stolpert zurück. Er stürzt längelang zu Boden. »Was ist das? Ist da ein Ungetier?« Ihm schnürt es mehr und mehr den Hals zu und er krächzt: »Ich flehe dich an, tue mir nichts!«
»Was ist los mit Dir? Hast du ein Gespenst gesehen?«, fragt Jan, der auch mittlerweile erwacht ist.
»Pass auf, Jan! Dort, neben Tim, ein grausiges Ungetier«, warnt Leo, dessen Gesicht von Furcht gezeichnet ist.
»Was für ein Tier? Ich sehe nichts«, schaut Jan sich um.
»Tim, Tim, sag ihm, es soll verschwinden! Ich fasse Dich auch nie wieder an. Du musst nicht mehr aufräumen. Hilf mir, Tim!«, fleht Leo ihn an.
Tim erhebt sich aus dem Bett und sagt: »Ich habe zwar keine Ahnung, was Du da zu sehen glaubst, Leo, aber dann vertreibe ich das Untier eben. Husch, husch! Weg von hier«, ruft er laut in den Raum und wedelt dabei mit den Armen hin und her.
Der Wächter zieht sich daraufhin zurück und verschwindet.
»Ich nehme Dich beim Wort, Leo. Von nun an lasst Ihr mich in Ruhe und Eure Sachen räumt Ihr selber auf. Auch werde ich Eure Hausaufgaben nicht mehr erledigen. Habt Ihr mich verstanden?«, gibt Tim mit stolzer Brust und ernster Miene den beiden zu verstehen. »Ansonsten rufe ich das Untier wieder herbei.«
»Nein, nein, nein! … Wir schwören es Dir! Ab sofort lassen wir Dich in Frieden«, stimmen die Jungs zu.
»Ach, und noch etwas, ich möchte mein Taschengeld wiederhaben, auf Heller und Pfennig. Und nun gehe ich wieder zu Bett. Gute Nacht Ihr zwei!« Tim legt sich hin, zieht die Decke über den Kopf und atmet erst einmal tief durch. Ihm ist übel. Seine Knie zittern und sein Herz klopft so kräftig und schnell, dass er den Pulsschlag spüren kann. Endlich ist es vorbei, denkt er sich. Tim schließt die Augen und schläft zufrieden ein.

Ob Tim die Waldfee Regina, den Waldkobold Morgel und den Zauberhund Antony vom Leinetal irgendwann einmal wiedersehen wird und ob es Antony gelingt, Paschinka zu einem pfiffigen Hund zu erziehen, erfährst Du in einer der nächsten Geschichten, die sicher irgendwann einmal auch für Dich hier erzählt werden wird.

Weiter geht es mit:

Morgel und der Schatz im Komstkochsteich (Teil 4)

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Ein Kommentar:

  1. Werter Herr Carl. Mit Begeisterung lese ich Ihre Morgelgeschichten. Ich halte diese für sehr gelungen. Sehr modern und nahe am Puls der Zeit. Das erwartet man von einem Märchen eher weniger. Wie ich im Allgemeinen Anzeiger lesen konnte, suchen Sie einen geeigneten Verlag. Viel Glück dabei.

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