Munk und ein besonderer Freund (Morgels Bonuszauber)

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Munk und ein besonderer Freund (Morgels Bonuszauber)

Reise in die Welt der Glühwürmchen


Bildinhalt: Morgels Bonuszauber - Munk und ein besonderer Freund - Das Titelbild zeigt eine Gruppe von Glühwürmchen über der Kräuterwiese am Abend.

Autor: Jens K. Carl.
Illustrationen: Jens K. Carl (KI-generiert).
Altersempfehlung: ab 5 Jahren.

Munk und ein besonderer Freund


Es war ein lauer Sommerabend. Ein letztes Mal lugte die Sonne an diesem Tag hinter den Baumwipfeln hervor, bevor sich allmählich die Dunkelheit breitmachte und ein sonderbarer Zauber aufkam. Die Singvögel verstummten. In rasantem Tempo huschten schnalzend eine Handvoll Fledermäuse durch die Luft. Grillen zirpten ihr alltägliches Lied. Es roch nach honigsüßen Blumen und würzigen Kräutern.

An diesem besonderen Abend, vor langer, langer Zeit, schwebte ein sonderbares Flimmern unterhalb der großen Linde über den Gräsern der Kräuterwiese. Hell, wie ein Sternenschwarm.
Unzählige Glühwürmchen hatten sich zu einem Lichterfest eingefunden und tanzten in kleinen Wirbeln zwischen den farbigen Sommerblumen hin und her.

Mitten unter ihnen war ein überaus neugieriger Leuchtkäfer, dessen Licht heller und zarter zugleich war als das der anderen. Blindlings vor Übermut, taumelnd vor Glück und unerfahren, flog er direkt auf ein Spinnennetz zu, das anmutig zwischen zwei Grashalmen hing. Finny, sein Schwesterchen, rief noch: »Gib Acht!« Doch jählings blieb das junge Käfermännchen an den klebrigen, seidenen Fäden hängen. Das Netz vibrierte, zog sich zusammen. Heftig flatterte und strampelte Finn umher. Er konnte sich nicht befreien. Ein trockenes Knacken durchfuhr die Stille. Ein Schmerz, ein Schrei. Sein linker Flügel war gebrochen.

Munk, der fröhliche Waldkobold, der die Kräuterwiese seit vielen Jahrhunderten durchstreift, schlurfte freudestrahlend mit einem Bündel aus Salbei, Spitzwegerich und Rosmarin in der Hand in Richtung Wurzelhöhle. Mit wachsamen Ohren vernahm er aus der Ferne das verhauchte Summen um Hilfe. Er eilte herbei, kniete sich neben das zitternde Würmchen, entwirrte mit geduldigen Koboldfingern das Netz und legte das verletzte Tier in seine flache Hand.

»Ach du lieblich Licht«, murmelte er, »das dürfen wir nicht zulassen. Hast du einen Namen?«
»Ich heiße Finn«, hauchte das Käferchen vor Schmerz. »Wo ist meine Finny?«
Das Würmchen glomm nur noch schwach und klammerte sich Hilfe suchend an Munks Finger. Sein Licht flackerte. Mit jedem Flackern schien ein kleines Stück Leben zu entweichen. Munk zählte im Stillen: noch dreimal flackern, noch zweimal flackern, noch …

Finny, die auf einer Butterblume saß, rief von Weitem: »Du musst ihn retten. Er ist mein Ein und Alles. Ich will ihn nicht verlieren.«
»Das werde ich, kleine Dame. Da kannst du dich drauf verlassen.«

Bildinhalt: Morgels Bonuszauber - Munk und ein besonderer Freund - Das Bild zeigt den Waldkobold Munk Orgu-Telas kniend auf der Wiese. Er hält das verletzte Glühwürmchen Finn auf seiner Hand.

Der Kobold beschloss, schnell zu helfen. Er liebte es, wenn etwas gerettet werden konnte. Das erwärmte sein Herz und entsprach seinem Wesen. Doch er wusste, dass ein gebrochener Flügel und eine kleine, schwindende Seele eine andere Heilkunst benötigten und nicht nur ein Koboldpflaster. Dazu braucht es geduldige Finger und ein reines Herz, eines, das keine Angst vor Blut oder Tränen hat. Ein Menschenkind mit Mut und Entschlossenheit, selbst eines, welches sich bereits weit von tugendhaften Pfaden entfernt haben mag.

»Ich denke, heute werden wir zwei Hilfesuchende vor sich selbst retten müssen!«, sprach Munk. Er zog also seinen knotigen Zauberstab hervor und flüsterte eine uralte Beschwörungsformel, die er seit hundert Jahren nicht mehr genutzt hatte. Der Spruch barg ein unermessliches Risiko, denn Munk konnte nicht wissen, wo ihn dieser hinführte.

»Wurzelweg im Mondeslicht,
ruf das Kind, das Gutes spricht.
Hilft den Tieren in der Nacht,
bis der Morgen neu erwacht.«

Ein laues Lüftchen erhob sich. Erst ein wenig, dann immer mehr. Ein regelrechter Sturm entwickelte sich. Ein Wirbel aus Laub, Staub und Grashalmen umgab die Drei. Munk hielt die beiden Leuchtkäfer fest in seiner Hand. Dann hob es sie hinfort.

Als sich der Sturm legte und die Sicht wieder frei war, standen sie nicht mehr auf der Wiese, sondern in einem fremden Gemäuer. Es roch übel, nach Kot, Urin und Blut. Ein Raum, unheimlich und stockduster. Selbst das glimmende Licht Finnys konnte ihn nicht erhellen. So zog der Kobold abermals seinen Zauberstab aus der Tasche und flüsterte:

»Lichtlein, hell und rein,
strahle, funkle fein!«

Ach herrje, dachte Munk, als er plötzlich erkannte, dass alle drei im Inneren eines Käfigs gefangen waren. Rundherum waren enge Gitterstäbe und an der kleinen Tür befand sich ein verschlossener Riegel, der nur von außen geöffnet werden konnte. Er versuchte, ihn zu lösen. Er rüttelte und schüttelte, doch es gelang ihm nicht.

Bildinhalt: Morgels Bonuszauber - Munk und ein besonderer Freund - Das Bild zeigt den Waldkobold Munk Orgu-Telas in einem verchlossenen Hundzwinger. Hinter ihm sitzt Bodo. ein Dobermann, mit fletschenden Zähnen und sabberndem Maul.

In diesem Moment spürte Munk einen warmen, übel riechenden Atem im Nacken. Langsam drehte der Kobold seinen Kopf. Hinter ihm stand ein großer, knurrender Hund, ein Dobermann. Ehe er sich versah, schlug ihm das Tier mit der Pfote den Zauberstab aus der Hand. Das furchterregende, doch zugleich ängstliche Funkeln in dessen Augen ließ den beiden Käfern das Blut in den Adern gefrieren. Milchiger Sabber lief aus seinem Maul und tropfte zu Boden. Er war verwundet. Ein Stück Stacheldraht hatte seine Pfote durchstoßen. Es blutete höllisch. Jedes Mal, wenn er fest auftrat, um zu bellen, jaulte er vor Schmerzen.
Munk spürte sofort den Ernst der Lage, vermied den direkten Blick in die Augen und sprach den Hund vorsichtig an: »Hallo mein Lieber, wie ist dein Name?«
Das Tier reagierte nicht auf dessen Ansprache. Es verdrehte lediglich verwundert fragend den Kopf und knurrte.
»Kannst du mich überhaupt verstehen?«, fragte Munk und streckte ihm vorsichtig seine Hand entgegen. »Gib mir meinen Stab wieder. Bitte!«
Wieder bellte der Hund ihn an. Diesmal jaulte er noch lauter, noch qualvoller, noch ohrenbetäubender.

Finns Licht war mittlerweile am Erlöschen. Seine Lebensgeister schienen zu entweichen. Er war dem Ende nahe. Finny flehte Munk verzweifelt an: »Du musst ihn retten!«
Das ist aber jetzt dumm gelaufen, dachte der Kobold und sprach: »Was machen wir nun? Gib mir den Zauberstab, damit ich dem Kleinen helfen kann. Komm, sei ein guter Hund.«

Wieder und wieder rüttelte Munk krampfhaft an dem Riegel, um ihn zu öffnen, nichts rührte sich.
Dies machte den Hund noch aggressiver. Sein Jaulen wurde immer bedrohlicher.
In diesem Moment schlug eine Tür auf. Der Kobold wurde schlagartig unsichtbar.

Bildinhalt: Morgels Bonuszauber - Munk und ein besonderer Freund - Das Bild zeigt die Silhouette eines Menschenkindes, welches genervt von dem Lärm in den Raum tritt.

Der Umriss eines Jungen war im grellen Lichtschein des Nachbarraumes zu erkennen. Er war hager, mit rauen Händen und einem Blick, der mehr Wut als Traurigkeit verriet. Er rief: »Bodo, gib Ruhe, sonst setzt es was!«

Das ist es, das Menschenkind, dachte Munk und griff nach der sich bietenden Chance, Finn zu retten. Er beschwor seinen Mut herbei und zog den Schleier der Unsichtbarkeit ab. Er offenbarte sein Dasein und rief mit freundlicher Stimme: »Hole uns hier raus.«

Der Junge sah etwas zappeln und trat näher an den Zwinger heran. Er schaute dem Kobold direkt ins Gesicht. Verwundert rieb er seine Augen.
»Was ist das denn?«, fragte er laut. »So eine Kreatur habe ich ja noch nie gesehen. Bist du ein Geist?«
»Ich bin ein Waldkobold. Lass mich hier raus. Bitte!«, sprach Munk, obwohl er wusste, dass der Knabe ihn gar nicht hören konnte.
»Bodo, sitz!«, befahl der Junge und rieb sich abermals die Augen. Beherzt griff er nach Munks Arm und zog ihn zwischen die Gitterstäbe. Es raschelte, als sich das Wams aus Ahornblättern daran rieb. Munk schrie: »Lass los!«, und hauchte ihn mit seinem Atem an. Eine Wolke aus golden leuchtendem Koboldstaub umhüllte den Jungen. Er war wie elektrisiert und stand für wenige Sekunden versteinert da.

Doch dann regte er sich; öffnete wie fremdgesteuert den Riegel an der Käfigtür. Munk schnappte blitzschnell seinen Zauberstab, nahm die Glühwürmchen auf, trat heraus und warf die Tür mit dem Fuß hinter sich zu. Der Riegel fiel ins Schloss.
Die beiden Käfer atmeten auf. Finns Licht erhellte sich zusehends.

»Wir danken dir, du freundliches Menschenkind. Du hast uns gerettet. Wie ist dein Name?«
»Was seid ihr? Seid ihr ein Geist? Wie seid ihr dort hineingelangt?«, fragte der Junge irritiert. »Kai ist mein Name, Kai Freund.«
»Sei gegrüßt, Kai Freund. Ich bin der gute Geist des Waldes. Wir sind gekommen, um dich um Hilfe zu bitten, lieber Kai. Du sollst dafür fürstlich belohnt werden. Mein Name ist übrigens Munk Orgu-Telas. Ich bin erfreut, dich kennenzulernen.«
»Was wollt ihr?«
»Du musst meinen beiden Freunden das Leben retten. Dem Kleinen ist der Flügel gebrochen«, sprach der Kobold. »Nur du allein kannst ihm helfen.«
»Ich? Wieso ich?«, ist der Junge verwirrt. »Was habe ich damit zu tun? Ich bin doch kein Arzt. Mein Vater ist Arzt, Tierarzt. Ich kann ihn holen.«
»Das brauchst du nicht«, stoppt Munk den Jungen. »Du bist der Richtige für diese Aufgabe. Ich weiß, dass du Tiere nicht magst. Sie mitunter quälst, nach ihnen trittst. Alles nur, weil du glaubst, dass dein Vater die Tiere mehr liebt als dich, er viel mehr Zeit mit ihnen verbringt als mit dir. Aber das ist nicht wahr. Da irrst du. Also, nur du kannst diese Aufgabe vollbringen. Vertraue auf dich selbst.«
»Aber …«
»Nichts aber«, sprach der Kobold und schaute Kai tief in die Augen. »Nimm Finn und geh. Du wirst es sehen.«
»Wenn ihr meint. Komm, kleiner Leuchtkäfer, ich werde dir helfen«, flüsterte der Junge Finn zu.

Munk berührte seinen Zauberstab heimlich in der Umhangtasche und hauchte lautlos vor sich hin:

»Kräuter flüstern, Wissen keimt,
alte Weisheit kurz erscheint.
Sanfte Hände, klarer Blick,
heilend wirkt der Augenblick.«

Eine unsichtbare Nebelglocke umkleidete mit einem Male den Jungen. Für diesen einen Moment erlangte Kai das Wissen eines alten Gelehrten der medizinischen Künste. Eine Begabung, die Wunder hervorbringt, und Heilung geschehen lässt.

Bildinhalt: Morgels Bonuszauber - Kai bettet das verletzte Glühwürmchen Finn auf den Operationstisch und schaut sich die Verletzung mit einen Lipa an. Über ihm hängt einen alte Lampe an der Wand.

Kai bettet den winzigen Käfer behutsam auf ein Tuch, das auf dem alten, hölzernen Operationstisch liegt. Das Licht über ihm war hell und konzentriert, ein schmaler Kreis. Er nahm eine Lupe, die die zarten Härchen auf dem Panzer und die zitternden Beinchen deutlich zeichnete. Um ihn herum lagen kleine Instrumente in ordentlicher Reihe: eine Pinzette, ein feines Skalpell, ein Fläschchen mit klarer Klebstofflösung und ein paar hauchdünne Pinselchen.

Er beugte sich nach vorn, die Stirn leicht gerunzelt vor Konzentration. Mit geübten Fingern hob er den Käfer an, sodass der gebrochene Flügel sichtbar wurde: ein feiner Riss, der sich durch die zarte Membran zog, die sonst im Sonnenlicht schimmerte. Kai untersuchte die Bruchstelle, tastete mit der Spitze der Pinzette vorsichtig die Kante ab und drehte den Käfer sachte, damit kein weiteres Beinchen einknickte.

Dann holte er den Kleber. Nicht hastig, sondern mit der Ruhe eines Menschen, der schon viele kleine Wunder vollbracht hatte. Er trug einen hauchdünnen Film auf den Riss auf, setzte die Flügelkante millimetergenau aneinander und hielt sie mit einem winzigen, weichen Pinsel so lange, bis der Kleber griff. Währenddessen murmelte er kaum hörbar vor sich hin, als würde er dem Käferchen Mut zusprechen. Seine Bewegungen waren präzise, fast liebevoll.

Als der Flügel wieder hielt, legte Kai das Tier in eine kleine, gepolsterte Schale und beobachtete, wie es sich langsam sammelte. Zuerst zuckte es, dann streckte es die Flügel vorsichtig aus, testete die neue Verbindung. Das Leuchten glimmte wieder auf. Ein leises Aufatmen schien durch den Raum zu gehen – nicht nur von Kai, sondern ebenso von dem Käfer, als wäre auch er erleichtert gewesen. Kai lächelte, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und stellte die Instrumente zurück an ihren Platz, äußerst zufrieden mit der stillen, kleinen Rettung, die er vollbracht hatte. In seinem Inneren regte sich etwas Warmes: Stolz, Reue, ein leiser Wunsch, anders zu sein.

»Fertig!«, rief Kai. »Nun noch etwas trocknen lassen und alles ist wieder in Ordnung.«
»Du siehst, Kai«, sprach Munk, »mit Selbstvertrauen und Mut bekommt man alles hin. Bist du denn zufrieden mit deiner Arbeit?«
»Aber ja«, antwortete Kai. »Ich denke, du hast mir die Augen geöffnet. Ich will mich bessern und mit meinem Vater Frieden schließen.«
»Das ist gut so«, freute sich Munk, »du wirst den richtigen Weg finden. Da bin ich mir nun sicher.«
»Vielleicht sollte ich doch in dessen Fußstapfen treten, so wie er es für mich vorsieht, und Tierarzt werden. Das würde ihn sicher freuen.«
»Ich hoffe, nicht nur ihn«, bemerkt Munk.

Der Nebel verzog sich so schnell, wie er gekommen war.

Bildinhalt: Morgels Bonuszauber - Munk und ein besonderer Freund - Das Bild zeigt Munk, Kai und die beiden Glühwürmchen Finn und Finny. Im Hintergrund sind Käfige zu sehen, in denen sich ein Hund und in einem anderen eine Katze ausruhen.

Munk zupfte die beiden Eicheln von seinem Hut und legte sie behutsam Kai in die Hand. »Und hier ist der Lohn für dein Bemühen. Hebe die zwei Baumfrüchte gut auf. Sie können dir in der Not helfen. Du hast von nun an drei Wünsche frei. Einen davon habe ich dir allerdings bereits erfüllt. Du wirst ein märchenhafter Tierarzt sein. Eine besondere Gabe hierzu habe ich dir soeben angedeihen lassen. Eine, die dich mit Pflanzen und Tieren sprechen lässt. Doktor Freund wird man dich weit und breit nennen.«
»Bodo kann mich ab jetzt verstehen?«, fragte der Junge verblüfft nach.
»Genau genommen, jedes Lebewesen auf dieser Welt«, bemerkt Munk. »Die anderen beiden Wünsche, wähle mit Bedacht. Nicht heute, später, wenn die Zeit gekommen ist.«
»Woran merke ich das? Wo kann ich euch finden?«
»Komm an den Komstkochsteich, suche die beiden Weißtannen auf und sage leise folgenden Spruch auf:
Kobold, komm, so klein und fein,
aus deinem Zauberwurzellein.
Mit einem hops, flink, verträumt,
zeig dich jetzt, dem ewig Freund.«

Ehe Kai sich versah, waren der Kobold und die beiden Käfer verschwunden.

»Ich danke euch«, rief Kai noch hinterher.

Ende

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Ein Kommentar:

  1. Wow! Endlich mal wieder eine neue Geschichte. Die gefällt uns hervorragend.

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