Morgel und die Gemeinschaft am Komstkochsteich (Teil 1)

Morgelgeschichte 1 - Morgel und die Gemeinschaft am Komstkochsteich

Für Frank, den Morgel-Erfinder
(*1962).

Autor: Jens K. Carl.

Ein kühler Frühsommermorgen. Nebelschleier ziehen über den Komstkochsteich. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch den dichten Wald und zeichnen drollige Figuren auf das Wasser. Es riecht nach modrigem, nassen Holz. Die Vöglein zwitschern munter durcheinander und die Frösche quaken.

Plötzlich ist ein Pfeifen zu hören. Es wird lauter. Ein kleines Männlein mit spitzem Hut kommt aus dem dichten Wald daher gelaufen und ist auf dem Weg zum Ufer am Komstkochsteich. Es möchte sich dort, wie jeden Morgen, waschen und die Zähne putzen. Das Pfeifen wird gelegentlich durch ein Grummeln und Aua unterbrochen. Immer dann, wenn es barfüßig auf einen trockenen Ast oder einen Zapfen tritt.

Es ist ein Waldkobold. Er heißt Munk Orgu-Telas. Munk lebt hier schon seit vielen hundert Jahren in der Nähe der Hohen Wurzel.

Gut gelaunt am Komstkochsteich angekommen, ist ein Krachen, Stöhnen und Gluckern zu hören. Munk ist am Ufer auf dem feuchten Matsch ausgerutscht und an der schmalen Uferböschung ins Wasser geplatscht. Nur der spitze Hut schaut noch heraus.
Pitschnass und von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, schimpft er laut vor sich hin: »Autsch mein Po! … Eyers-maners-duers, ist das glatt hier. So ein Schlamassel. Bäh!«

Lachend wälzt sich am Ufer ein Rehkitz umher.
»Was gibt es denn zu lachen? Pass nur auf, dass ich dir nicht … ach was solls, das ist ja sicher urst komisch, mich hier so belämmert zu sehen. Wer bist du?«, möchte der Kobold vom Kitz wissen. »Wie heißt du? Bist du neu hier? Ich habe dich hier noch nie gesehen.«
»Was? Wer? Ich? Meinst du mich?«, fragt es verwundert zurück.
»Ich weiß nicht. Was meinst du damit: Wie heißt du?«
»Ob du einen Namen hast, möchte ich wissen«, antwortet der Waldkobold. »Mein Name ist Orgu-Telas, Munk Orgu-Telas!«
Das Kitz verdreht die Augen: »Echt? Munkor … was? Das kann man ja gar nicht aussprechen. Meine Mutti nennt mich immer Rehkitz.«
»Wie einfallsreich«, schmunzelt Munk und fängt an, sich die Zähne zu putzen. Nach einiger Zeit fragt er: »Dann heißt deine Mutti wohl Rehricke?«
»Nein, Mutti heißt Gertrud«, erwidert das Kitz.
»Du bist ja drollig. Wo kommst du noch mal her?«
»Och, keine Ahnung. Wir sind schon sehr weit gelaufen. Tag ein, Tag aus. Mir tun schon richtig die Beine weh. Mutti sagt immer, wir müssen für uns ein sicheres Plätzchen suchen. Was auch immer das bedeuten soll«, antwortet das Rehkitz.
»Ganz einfach. Das bedeutet, dass sich deine Mutter Sorgen macht und dich sicher aufwachsen sehen will.«
»Ist das was Gutes?«, möchte das Kitz wissen.
Der Kobold nimmt einen Schluck Wasser in den Mund, gurgelt laut vor sich hin und spuckt alles im hohen Bogen in den Teich. »Klar doch. Das will doch jeder«, antwortet er. »Fertig! Nun will ich noch eine Runde schwimmen.«

Das Rehkitz schaut ihm erleichtert nach und wartet bis der Kobold wieder an ihm vorüber schwimmt: »Wo sind wir hier eigentlich?«
»Am Komstkochsteich. Der kleine Bach heißt Badewasser.«
»Badewasser? Weil du darin badest?«, feixt das Kitz.
»Pipifax! Was weiß ich«, gluckert Munk dahin, denn beim Atmen schwappt ihm das Wasser in den Mund. »Du kannst einem aber auch richtig Löcher in den Bauch fragen. Gut nun!«

Nach einiger Zeit meldet sich das Rehkitz wieder zu Wort: »Also, jetzt sage ich dir mal was. Du brauchst einen Namen, den ich mir auch merken kann.«
»He?«, fragt der Kobold erstaunt. »Wieso? Ich bin ganz zufrieden mit meinem Namen.«
»Oh doch! Lass mich mal überlegen … Mu-or-te … oder Morg-ut … vielleicht Morgel. Jawohl, das ist es! Ich nenne dich in Zukunft Morgel. Passt ja auch irgendwie zu dir, du siehst nämlich aus wie einer«, bestimmt das Kitz.
»Morgel? … Nun ja … ich weiß nicht … meinst Du?«, erwidert fragend der Kobold und steigt pitschnass aus dem Wasser, greift sein Handtuch und fängt an, sich abzutrocknen. »Na gut! Nenne mich doch, wie du willst. Sonst gibst du ja eh keine Ruhe. Du darfst mich also von nun an Morgel nennen.«

»Das will ich aber auch!«, ruft plötzlich Gunther, der Specht, dazwischen. Ein wirklich schwatzhafter und neugieriger Zeitgenosse, der seit längerem das Treiben oben auf einem Ast sitzend beobachtet. »Wir werden dich alle nur noch Morgel nennen.«
»Du hast mir gerade noch gefehlt, Specht. Hast wohl mal wieder gelauscht?«, fragt der Kobold erstaunt nach.
»Ihr habt so laut gesprochen, da konnte ich einfach nicht weghören«, erwidert Gunther und flattert zu den beiden hinunter.
»Na, da hast du was angerichtet. Jetzt habe ich diesen Morgelnamen wohl für immer weg«, brummt der Kobold in Richtung des Rehkitzes. »Aber was solls, mir gefällt der Name Morgel auch ganz gut. Nun genug des Redens. Ich habe Hunger. Ihr auch?«
»Aber immer!«, rufen beide im Chor.
»Dann folgt mir!«

»Wo soll es denn hingehen?«, fragt das Rehkitz verwundert nach.
»Zur Wurzelhöhle. Dort wohnen wir zusammen mit allerlei anderen Gestalten«, antwortet der Specht, flattert vom Waldboden hoch und setzt sich auf den Rücken des Kitzes. »Der Weg ist zu weit für meine kleinen Beine und fliegen ist mir viel zu anstrengend mit leerem Bauch.«
»Nun übertreibe es mal nicht, Gunther. Wir sind ja fast schon da«, mischt sich Morgel ein. »So, hier ist es schon.«
»Was soll hier sein? Ich sehe nichts außer Wald«, stellt das Kitz verwundert fest.
»Na dann passe mal schön auf«, spricht der Kobold und setzt einen Schritt nach vorn, zwischen zwei prächtige Tannenbäume. Plötzlich erscheint vor ihnen der knöcherne Baumstumpf einer jahrhundertealten Buche. Dann macht er einen Schritt zurück und der Stumpf ist wieder verschwunden. »Magisch, nicht wahr? Nicht jeder Fremde darf unsere Wurzelhöhle finden«, fügt er noch hinzu.
»Also, ich sehe die Höhle doch immer«, gibt der Specht an.
»Du wohnst ja auch hier, Gunther. Deshalb siehst du die Höhle zu jeder Zeit. So Rehkitz, komme bitte mit. Ich will dir meine Freunde vorstellen.«
»Unsere Freunde, bitteschön!«, berichtigt Gunther den Kobold.

Mit jedem Schritt, den die drei auf den Baumstumpf zugehen, wird dieser immer größer und größer. Als sie direkt davorstehen, ist er so hoch wie ein Haus. Plötzlich sind auch eine kreisrunde Tür und zwei danebenliegende Fenster zu sehen. Der Kobold öffnet die Tür und bittet die beiden, einzutreten.

»Boah, ist da viel Platz in dem kleinen Baumstumpf. Ist das Zauberei?«, wundert sich das Kitz.
»Da staunst du, Rehkitz! Was? Aber das hier ist nur der Vorraum. Dort in dem Gang gibts noch mehr Platz«, feixt Gunther und flattert wild um dessen Kopf herum.
»Die Höhle geht weit in den Berg hinein«, erklärt der Kobold. »Hier leben neben uns beiden noch viele andere Tiere. Da oben in der Ecke hat die Kreuzspinne Esmeralda ihr Netz gespannt. Die schläft aber meist tagsüber. Unterm Tisch ist ein Loch in der Wand. Dort wohnen die Mäusezwillinge Mio und Pio.«
Die beiden Mäuse klettern sogleich am Tischbein hoch, setzen sich nebeneinander auf die Tischplatte und grüßen freundlich dem Kitz zu: »Hi, Rehkitz!«
»Da, in diesem Kaminschlitz wohnt der alte Adalbert. Komm Molch, los, zeig dich mal«, ruft Gunther und fliegt aufgeregt vor dessen Guckloch umher.
»Schwirr ab, du Nervensäge«, ist vom Molch zu hören. »Lasst mich zufrieden!«
»So etwas Ungezogenes aber auch. Warum lässt du diesen Miesepeter eigentlich weiter hier wohnen?«, fragt Gunther den Kobold.
»Gib Ruhe, hier kann jeder sein, wie er gern möchte«, antwortet Morgel. »Komm Rehkitz, hier geht es weiter. Schau!«

Vor ihnen liegt ein langer Gang, von dem links und rechts je ein großer Raum abzweigt. Der Linke ist hell erleuchtet. Dort stehen kleine Bäume, Sträucher und sogar Volieren drinnen. Es sind auch einige Nischen mit Grünzeug darin und es duftet nach frischem Gras und Heu. Der rechte Raum ist stockduster und es strömt ein feuchter, modriger Geruch heraus. Hier wohnen die Tiere, die es tagsüber eher dunkel mögen oder solche, die Winterschlaf halten.
Am Ende des Ganges sind zwei Türen. Hinter der einen liegt die Stube des Koboldes. An der anderen Tür ist weder ein Knauf zum Öffnen, noch ein Schloss daran. Was sich wohl dahinter verbirgt, fragt sich das Kitz insgeheim.

Die Ankunft des Neulings hat sich bereits rumgesprochen. Nach und nach kommen die anderen Bewohner der Wurzelhöhle aus ihren Nischen und Ecken gekrochen.
Als Erster schlittert Antony vom Leinetal auf das Kitz zu und kommt gerade noch so vor ihm zum Stehen. Ein pfiffiger weißer Terrier, der sich vor Jahren hier im Wald der Gemeinschaft am Komstkochsteich angeschlossen hat und seither beim Kobold mit in der Stube wohnt. »Du bist aber ein hübsches Kerlchen. Willkommen!«, begrüßt er das Rehkitz.
Danach stolziert Lothar vom Hocksloch, ein eitler, junger Fuchs, heran und feixt: »Na viel ist an dir ja nicht dran. Da musst du wohl noch ein wenig Speck ansetzen, mein Lieber.«
»Sei nett zu ihm, Lothar! Hier drinnen sind alle tabu für dich«, ermahnt Morgel den Fuchs. »Das weißt du doch!«
»Guten Morgen Rehkitz, wenn dir einer ans Fell will, kommst du einfach zu mir. Ich halte dir diese Typen schon vom Hals«, ist eine sanfte Stimme aus der Ecke zu hören. Nahezu lautlos hat sich Lava, eine eurasische Luchsin, angepirscht und stupst dem Fuchs in die Seite.
Der ganze Tumult ist Stachel viel zu viel und er brummt: »Hmm! Immer neue Gesichter, neue Gesichter. Wo das nur hinführen soll, hinführen soll«. Dann verkriecht sich der kleine Igel wieder in einer dunklen Ecke.
Zu guter Letzt trabt lautstark eine ganze Wildschweinfamilie heran. Es ist Wilma mit ihren drei Frischlingen Molli, Ben und Ken. Die Bache musste mit ihrer Rotte im Herbst hier beim Morgel Zuflucht vor einem Jäger suchen und wohnt seither mit in der Wurzelhöhle.
»Ich will es zuerst … Rupp, rupp!«, grunzt Ben und schupst Ken zur Seite.
Dieser wiederum quiekst zurück: »Nein, diesmal bin ich als Erster dran.«
»Rrrroi-quiek! Jetzt ist aber Ruhe hier ihr zwei«, geht Wilma dazwischen. »Ihr werdet euch doch einmal anständig benehmen können, wo Besuch da ist.«
»Wenn zwei sich streiten, dann freue ich mich eben, dich hier willkommen zu heißen. Du musst meine Brüder entschuldigen, aber das sind zwei ausgemachte Dummköpfe. Mein Name ist Molli.«
»Ist schon gut, Molli! Ich grüße euch auch alle. Es ist unglaublich, aber hier ist es so voll fantastisch«, freut das Rehkitz und fügt hinzu: »Morgel, ich bin so froh, dass ich dich getroffen habe.«

»Morgel?«, schauen sich alle fragend an.
»Ihr werdet es nicht glauben, aber der Neue hat unserem Orgu-Telas gleich mal eben einen Spitznamen verpasst«, antwortet der Specht vorlaut.
»Das war ja nur ein Vorschlag«, erwidert das Kitz und schaut ganz verlegen in die Runde.
»Du musst dich nicht schämen. Eyers-maners-duers! Wichtig ist doch, dass mir der neue Name gefällt. Also, ab sofort dürft ihr mich alle Morgel nennen«, gibt der Kobold zu verstehen. »Und jetzt habe ich Hunger. Lasst uns was frühstücken.«

In Windeseile wird der Tisch vor der Wurzelhöhle eingedeckt. Aufgetischt werden Salat aus Sauerampfer und Löwenzahn, kandierte Bucheckern und Eicheln, getrocknete Steinpilze, geröstete Maronen, obendrein ein Früchtepüree aus allerlei Waldbeeren. Hinzu kommen frisches Gras, Heu und Lecksalz. Kräutertee und klares Wasser aus dem Quelltal gibt es zu Trinken.
Am täglichen Frühstück haben sich noch Frosch Emerald, die beiden Eichhörnchengeschwister Tammy und Yammy, die Stockente Gustav, die Spatzen Fridolin und Sparky, der Lehrer Dachs und der Waldkauz Schröder sind vor der Höhle eingetroffen.
Nur Fuchs Lothar mag diesen Trubel und auch das ganze Grünzeug nicht. Er hat sich daher zu seinem Fuchsbau am Hocksloch aufgemacht.

Wie gerufen kommt Constantin vom Baldrichstein, der eitelste Rabe weit und breit, pünktlich zum Frühstück angeflogen. Er hat einen Happen der neuesten Lieblingsspeise des Kobolds im Schnabel.
»Oh ja, Bratwurst. Wunderbar!«, freut sich Morgel und fügt hinzu: »Mein Tag ist gerettet!«
»Die Wurst habe ich eben für dich direkt vom Grill auf dem Marktplatz stibitzt. Sie ist schön warm. Iss!«, kräht der Rabe. »Dieser Kerl am Grill hat mit seiner Zange nach mir geworfen. So ein Frechdachs, kraa, kraa!«

Morgel hat inzwischen den Ältestenrat zu einer kurzen Sitzung zusammengerufen. Zum Rat gehören neben dem Kobold, die Kreuzspinne Esmeralda, der Lehrer Dachs und der Waldkauz Schröder. Die Vier kennen sich seit vielen hundert Jahren. Einstimmig wird beschlossen, das Rehkitz und seine Mutter, die Ricke Gertrud, in die Gemeinschaft aufnehmen zu wollen.

Bevor sich nun alle den Bauch mit den tollen Leckereien vollschlagen, richtet der Dachs noch schnell das Wort an das Rehkitz: »Auf Beschluss des Ältestenrates bitte ich dich, deine Mutter Gertrud hierher zu bringen. Wir möchten euch beide fragen, ob….
«Alle Tiere jubeln auf einmal laut los.
»Das mache ich Herr Dachs«, freut sich das Kitz und springt sofort los, noch ehe der Dachs fertig aussprechen kann.
»Ein ziemlicher Hitzkopf, dieses Rehkitz«, wundert sich Schröder. »An dem werden wir unsere helle Freude haben. Der muss auf jeden Fall erst einmal mit in die Waldschule.«
»Wohl wahr, wohl wahr!«, gibt der Dachs ihm recht. »In ein paar Tagen geht die Schule ja wieder los. Da habe ich dann ein Auge drauf.«

Die Stunden vergehen und vom Rehkitz und seiner Mutter ist weit und breit nichts zu sehen und zu hören. Langsam fangen alle an, sich Sorgen zu machen. Unruhe kommt auf.
»Wo ist eigentlich dieser Fuchs? Hat jemand Lothar gesehen?«, fragt Morgel in die Runde.
Aus der Höhle ist vom Igel ein: »Hier ist er nicht, ist er nicht«, zu hören.
Der Specht fliegt sogleich hoch und kreist mehrmals um die Wurzelhöhle herum und ruft: »Ich kann ihn von hier oben aus nirgends entdecken.«
»Wir müssen uns auf die Suche machen«, mahnt der Waldkauz. »Mit diesem Lothar ist nicht gut Kirschenessen.«
»Lothar ist schon in Ordnung. Der weiß schon, dass er hier niemandem auflauern darf«, beruhigt Esmeralda.
»Ihr seid viel zu gutgläubig, das ist ein Tunichtgut«, mahnt Lava. »Ich werde mal hoch zum Hocksloch laufen. Ihr solltet ebenfalls ausschwärmen und euch umschauen.«

Lothar hat es sich unterdes in seinem Fuchsbau am Hocksloch bequem gemacht und hält ein Nickerchen. Plötzlich wandert an ihm ein Mann mit Feldstecher und Schießgewehr vorüber und verschanzt sich auf einem nahe gelegenen Hochsitz. Genau in diesem Moment bemerkt der Fuchs, wie eine Ricke aus dem Dickicht auftaucht und nichtsahnend auf den Jäger zuläuft.
Das muss die Mutter vom Rehkitz sein, denkt sich Lothar und ruft ihr zu: »Geh in Deckung! Gefahr droht!«
Die scheue Ricke erschrickt vom Anblick des Fuchses und ergreift die Flucht. Sie rast direkt auf den Hochsitz zu.
Lothar springt aus seinem Bau und versucht den Jäger mit Schreien und mit aufgerichteter Rute auf sich aufmerksam zu machen.
Auch Lava, die inzwischen am Hocksloch eingetroffen ist, erkennt die Gefahr für Gertrud und zeigt sich dem Menschen.
Der ist ganz erstaunt und weiß nicht so recht, welches Tier er zuerst mit seinem Fernglas beobachten soll. Eine Luchsin ist ihm in dieser Gegend noch nie begegnet, denkt sich der Jäger. Er hält inne und zückt eine Kamera, um schnell ein Foto zu schießen.
Gertrud ist völlig verwirrt und sucht sicherheitshalber im Dickicht ein Versteck. Erst ein Fuchs, der sie warnt und dann noch eine Luchsin, die sich für sie in Gefahr bringt. Sind hier alle verrückt, denkt sie.

»Komm mit uns Gertrud«, fordert Lava die Ricke auf. »Hier tut dir niemand etwas zuleide. Dein Sohn ist auch in Sicherheit. Du bist hier im Morgelwald.«
»Was? Wer spricht da? Wo ist mein Sohn? Geht es ihm gut?«, fragt sie gestresst zurück.
»Beruhige Dich! Hab Vertrauen! Wir tun Dir nichts«, antwortet Lothar. »Folge uns einfach.«
Gertrud spürt, dass hier Zauberei am Werk sein muss und fasst Zutrauen zu den beiden. Auf dem Weg zur Wurzelhöhle begegnen die Drei noch dem umherirrenden Rehkitz. Die Freude über das Wiedersehen ist groß und so beschließen sie, der Einladung des Ältestenrates zu folgen.

»Wir haben sie! Wir haben sie! Wir haben die Ricke am Hocksloch entdeckt und das Kitz haben wir auch unterwegs eingefangen«, ruft Lava, als die Vier vor der Höhle ankommen.
Freude und Erleichterung machen sich unter allen Tieren und beim Kobold breit. Die Frischlinge tanzen Ringelreihe.
»Wir sind sehr erleichtert, dass ihr beiden heil hier angekommen seid«, spricht Schröder zur Ricke Gertrud und dem Rehkitz.
»Das ist Herr Morgel, von dem ich dir eben erzählt habe«, sagt das Kitz zu seiner Mutter.
»Guten Abend, Herr Morgel. Guten Abend, liebe Leute. Ich freue mich über die Einladung«, grüßt Gertrud zurück. »Ich habe mich wohl etwas verlaufen. In dieser Gegend kenne ich mich ja nicht so aus. Wir kommen nämlich von sehr weit her.«
»Nun seid ihr ja hier. Ich bin Lehrer Dachs. Ich möchte im Namen aller fragen, ob ihr beiden Lust habt, euch unserer Gemeinschaft anzuschließen. Bei uns findet ihr ein ruhiges und sicheres Leben.«

Die Ricke schaut völlig überrascht in die Runde.
»Sag ja! Bitte sage ja«, wünscht sich das Kitz und hüpft wild umher. »Die sind alle sehr nett hier.«
»Also, wenn du das möchtest, dann sollte ich wohl ja sagen. Ja, wir werden gerne hierbleiben. Danke sehr.«
»Das ist eine gute Entscheidung Gertrud«, spricht Morgel erleichtert, »bitte tretet vor und senkt euer Haupt.
«Der Kobold zieht seinen Zauberstab heraus und tippt beiden nacheinander auf die Stirn. Ein helles, magisches Licht erscheint. Wolken aus silberglänzenden Sternenstaub umhüllen ihre Körper.
»Ihr seid von nun an Gefährten der Gemeinschaft am Komstkochsteich«, spricht Morgel. »Solange ihr das thüringische Land nicht verlasst, sei euch ewiges Leben beschert. Die Gemeinschaft wird stets für euch sorgen und Sicherheit bieten. Seid willkommen!«

Was die Ricke Gertrud und das Rehkitz auf ihrer langen Reise durch den Thüringer Wald erlebt haben und was es mit der geheimnisvollen zweiten Tür in der Wurzelhöhle auf sich hat, erfährst Du in einer der nächsten Geschichten, die sicher irgendwann einmal auch für Dich hier erzählt werden.

Weiter geht es mit:

Morgel und die Abenteuer in der Waldschule (Teil 2)

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