Morgel und die eitle Albasol (Teil 6)

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Morgelgeschichte 6 - Morgel und die eitle Albasol


Eine Weihnachtsgeschichte.

Autor: Jens K. Carl,
Illustrator: Jens K. Carl
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Es ist Winter geworden. Schnee ist gefallen. Die Bäume und Sträucher ringsumher sehen aus, als wären sie mit Puderzucker bestreut. Der Komstkochsteich ist von einer dicken Eisfläche bedeckt, auf der die Menschenkinder tagsüber und die Tiere des Waldes des Nachts Schlittschuhlaufen. Allerorts knistert, knackt und knarrt es vor Kälte. Das Leben scheint stillzustehen und es ist, als sei eine wundersame Ruhe eingekehrt.
Hin und wieder stapfen ein Fuchs, ein Reh, eine Rotte Wildschweine oder auch mal ein Waldhase durch den Schnee und suchen nach Essbarem. Die meisten Tiere haben sich, wie jedes Jahr, zur Winterruhe in ihre Behausungen zurückgezogen und zehren dort von ihren Essensvorräten.

Auch die beiden Weißtannen, die mit ihrem Zauber den Blick auf die Wurzelhöhle verhindern, sind von oben bis unten mit der weißen Pracht überzogen. Ihre Äste und Zweige stöhnen unter der schweren Last. Jedoch lassen sie sich dies nicht anmerken, denn die beiden sind stolz darauf, hier im Wald die ältesten, größten und schönsten Zaubertannen zu sein.
Die eine Weißtanne trägt den Namen Albasol, da sie sich mehr der Sonne verbunden fühlt. Die andere mehr dem Mond. Daher nennt man sie Albamon.
Ihre Wurzeln reichen tief in den Waldboden hinein, bis hinunter zu den Kalksteinschichten, die einst die Thüringer Berge formten. Über ihre Wurzeläste sind die beiden Bäume seit Jahrhunderten inniglich miteinander verbunden. Die eine Zaubertanne kann ohne die andere Zaubertanne nicht sein.

Ein Unheil naht.

Wie jede Nacht macht es sich Schröder, der Waldkauz, im dichten Geäst Albasols bequem. Von dort aus hält er Ausschau und wacht über den umliegenden Wald.
Just in diesem Abend überkommt ihn eine sonderbare Müdigkeit und er döst fortwährend ein.
Plötzlich rumpelt es und der ganze Baum fängt an zu schwanken. Alte verdorrte Äste und Zweige brechen und treffen Schröder am rechten Flügel. Nur mit Mühe kann er sich aus dem Geäst befreien und fliegt mit weit ausgebreiteten Schwingen hoch hinauf in den Nachthimmel, um zu schauen, was da Unheimliches geschieht.

Ein riesiges, dröhnendes Ungetüm macht sich am Stamm von Albasol zu schaffen. Für Schröder sieht es so aus, als würde sich ein eiserner Riesenkrake mit seinen Fangarmen um den Baum schlängeln. Dann hört er ein kurzes, ohrenbetäubendes Surren und schon neigt sich die Zaubertanne und gleitet sanft zur Erde. Vier dunkle Gestalten wuseln wie Ameisen um den am Boden liegenden Stamm herum und verschnüren die großen herabhängenden Äste mit einem Drahtgeflecht. Dann rollt der Krake mit dem Baum aus dem Wald.

Schröder ist wie vom Schlag getroffen. Er wischt sich die Augen. Habe ich gerade geträumt, fragt er sich. Nur langsam begreift er, was da eben geschah. Die Männer konnten die stummen Schreie der Tanne nicht hören. Aber für Schröder waren sie dafür umso lauter. Albasol muss Höllenqualen durchleben.
Natürlich bekommt auch Albamon das Wehklagen und die Schreie seiner geliebten Albasol mit. Nur zu gern wäre er jetzt samt Wurzelwerk aus dem Boden gefahren und hätte dieses sonderbare Ungetüm unter sich zermalmt. Aber das war nicht möglich, denn der Baum ist fest mit der Erde verwachsen. Albamon konnte nur untätig, aber sehr erzürnt und wütend zuschauen.

Der Waldkauz macht sich sogleich auf den Weg, um der armen Albasol zu folgen. Doch sein Flügel schmerzt und so kann er nach wenigen hundert Metern nur zuschauen, wie das Ungetüm mit der Tanne von dannen fährt.
Was für eine Katastrophe, schnellt es Schröder durch den Kopf. Ich muss das Unfassbare gleich dem Morgel berichten.
Sofort fliegt er zurück zur Wurzelhöhle und alarmiert den Waldkobold. »Alarm! Alarm!«, trillert er schon von Weitem.

Ohne auch nur zu ahnen, welch Unheil über die Gemeinschaft am Komstkochsteich gekommen war, öffnet Morgel gut gelaunt die Tür: »Was kauzt Du denn hier so rum, Schröder? Ist Dir im Schlaf ein Eiszapfen auf den Kopf …« Plötzlich stockt ihm der Atem. Wie gelähmt steht der Waldkobold mit offenem Mund vor dem weinenden, blutenden Baumstumpf. Albasol ist fort, schnellt es ihm durch den Kopf. »Die schönste aller Tannen ist weg. Abgesägt! Wer war das?«
»Was erzählst Du denn da?«, fragt Gunther, der Specht, als er zusammen mit Dinco, dem Bären, aus der Höhle kommt.
»Kommt raus! Kommt her und schaut, was hier Scheußliches passiert ist!«, ruft der Morgel den Bewohnern der Wurzelhöhle zu.
Geschlossen treten diese vor die Tür und starren schweigend auf den kahlen Baumstumpf, der nun verletzt zurückgeblieben ist.

Weinend und schnaufend liegen sich die Hunde Antony und Paschinka, das Rehkitz und dessen Mutter Gertrud, die Mäuse Mio und Pio und die Eichhörnchen Tammy und Yammy in den Armen. Die Bache Wilma und ihre drei Frischlinge Ben, Ken und Molli stehen da, wie versteinert. Und Esmeralda, die Kreuzspinne, ist vor Schreck von ihrem Netz gefallen.
Das eiserne Ungetüm machte obendrein so viel Lärm, dass auch der Fuchs Lothar vom Hocksloch, die Spatzen Fridolin und Sparky und der Lehrer Dachs herbeieilen.

Albamon ist derweil in tiefe Trauer verfallen. Sein Wehklagen ist weithin zu hören. Die Äste hängen wie leblos an ihm herunter und dicke Harztränen tropfen von seinen Zweigen und Nadeln herab. Die umliegenden Bäume und Sträucher sind bemüht, ihm in dieser schweren Stunde Trost zu spenden.

Noch in derselben Nacht beruft Morgel und der gesamte Ältestenrat eine Großversammlung ein. Bis zum frühen Morgen diskutieren, streiten und weinen sie über den unheilvollen Verlust der geliebten Albasol. Bei einem sind sich die Tiere aber einig, Albasol ist noch am Leben und muss schnellstens gefunden werden.
Kurz vor Sonnenaufgang trommeln die Vögel der Gemeinschaft all ihre Artgenossen zusammen, um nach der entführten Tanne zu suchen. Einige fliegen die Straßen und Plätze der Siedlungen ab und die anderen machen sich zu den benachbarten Sägemühlen auf. Die Vierbeiner durchstreifen die angrenzenden Wälder und Wiesen.
Doch die ganze Mühe ist vergebens. Der Baum bleibt spurlos verschwunden.

Kurz vor Mittag kommt Doktor Freund auf einen Hausbesuch zur Wurzelhöhle gelaufen. Er will nach dem kleinen Bären Dinco schauen, ob dessen Wunde nun endlich verheilt ist.
Doch als der Doktor den verlassenen Baumstumpf entdeckt, ist auch er entsetzt. »Was ist denn hier passiert? Das darf doch wohl nicht wahr sein«, ruft er dem Morgel zu. … Später fällt ihm ein, dass er bei einem Hausbesuch eine merkwürdige Entdeckung machen musste. »Vor einem weitentlegenen Schloss steht seit heute Morgen eine sehr große Tanne. Offenbar haben die Bewohner dort über Nacht einen Weihnachtsbaum aufgestellt. … Aber das kann doch nicht sein! Oder?«, überlegt er weiter.
»Was kann nicht sein?«, fragt Lehrer Dachs nach.
»Ich frage mich, ob es unsere schönste aller Tannen, die Tanne Albasol ist, die dort auf dem Schlossplatz errichtet wurde«, antwortet der Doktor.
»Ein Weihnachtsbaum? Was soll das denn sein, Herr Doktor?«, möchte das Rehkitz wissen.
»Wie erkläre ich Dir das. … Immer zum Jahresende feiern die Menschen ein großes Fest, es nennt sich Weihnacht. In der Vorweihnachtszeit werden dann überall Märkte abgehalten, in deren Mitte die Menschen einen mit Lichtern geschmückten Nadelbaum aufstellen. Den nennen sie dann Weihnachtsbaum.«
»Und dazu töten die dann Tannen, Fichten oder Kiefern?«, platzt es aus dem Specht laut heraus. »Jahr für Jahr?«
»Gunther, ich kann es mir nur so erklären, dass die Menschen wahrscheinlich gar nicht wissen, dass Bäume fühlen können wie wir Tiere, Freud und Leid empfinden und in der Not füreinander einstehen«, antwortet Esmeralda, die Kreuzspinne.
»Kann man dort nicht einen Baum anpflanzen, der danach am Leben bleibt«, möchte das Rehkitz wissen und scharrt vor Wut mit seinen rechten Huf.
»Das könnte man schon, Rehkitz. Das könnte man in der Tat«, gibt ihm Doktor Freund recht.
»Dann sollten wir sofort nachschauen, ob das an diesem Ort unsere Albasol ist«, schlägt Morgel vor. »Wer kommt mit?«
»Ich! Ich! Ich!«, rufen alle durcheinander.
»Nicht alle auf einmal. Ihr dürft dort nicht auffallen«, gibt Lehrer Dachs zu bedenken.
»Wohl wahr!«, bestätigt der Kobold. »Ich nehme fürs erste die beiden Eichhörnchen, die Spatzen und Herrn Schröder mit. Wo liegt der Ort noch mal?«
»Ihr müsst Euch nach Norden begeben«, zeigt Doktor Freund. »An das Flüsschen Nesse. Dort findet Ihr das Schloss.«
Kaum hat er ausgesprochen, sitzen die fünf auf des Morgels Arm und schon sind sie allesamt verschwunden.

Auf dem Weihnachtsmarkt.

Eine Sekunde später treffen die sechs auf besagtem Schlossplatz ein. Während der Kobold sogleich unsichtbar wird, huschen die Tiere hinter eine der vielen kleinen, schneebedeckten Holzhütten, um nicht entdeckt zu werden.

Die Hütten sind festlich geschmückt. Menschen wuseln darin umher und dekorieren Regale mit Reisig, Spielzeug und weißen Lichterketten.
In der Mitte des Platzes steht ein prächtiger Baum. Es ist in der Tat ihre geliebte und allseits verehrte Albasol. Es sieht aus, als würde sie schlafen, doch ihr Wehklagen ist für alle Tiere und Pflanzen weithin zu hören.

Geschwind fliegen Schröder, Fridolin und Sparky hinüber zu ihr und Tammy und Yammy flitzen den Stamm hinauf.
»Albasol, Albasol!«, ruft Tammy. »Wach auf! Du lebst! Wir sind es, Deine Freunde.«
»Oh je, Ihr seid hier! Welch ein Glück! Mir tut alles weh. Ich glaube, ich bekomme wieder mein Rheuma im Stamm«, jammert die Tanne vor sich hin. »Wo bin ich hier? Ich sehe meinen geliebten Albamon nicht mehr. Was ist mit mir geschehen?«
»Ja, weißt Du denn nicht, was passiert ist?«, fragt Fridolin. »Du wurdest abgesägt!«
»Abgesägt?«, stöhnt Albasol und schaut an sich hinunter.
»Bist Du bitte stille! Nun hat sie einen Schock erlitten«, stellt Morgel fest, nachdem auch er am Stamm hinaufgeklettert ist. »Sie braucht jetzt dringend Wasser und vor allem viel Ruhe!«
»Es tut mir leid Albasol«, entschuldigt sich Schröder. »Ich muss heut Nacht eingeschlafen sein. Ich konnte nichts mehr tun, um Dich zu retten.«
»Können wir sie nicht einfach wieder mitnehmen?«, möchte Yammy wissen.
»Später vielleicht! Jetzt nicht«, antwortet Morgel. »Albasol ist mit Eisenfüßen am Boden verankert und etliche Stromkabel wurden an ihren Stamm angenagelt. Sie muss schlimme Schmerzen haben. Außerdem würden wir viel zu viel Aufmerksamkeit bei den Menschen erregen. Die fallen doch alle tot um, wenn plötzlich eine Tanne durch die Lüfte fliegt. Wir sollten nach Mitternacht wiederkommen. Albasol, Du musst bis dahin durchhalten. Wir retten Dich. Versprochen!«
»Also ich bleibe hier«, bestimmt Yammy.
»Wenn Yammy bleibt, dann bleibe auch ich«, gibt Tammy zu verstehen.
»Na gut, dann kümmert Euch auch um sie. Passt gut auf, dass Albasol nichts Schlimmeres passiert«, ist Morgel einverstanden. »Ich muss zurück, um dem Ältestenrat zu berichten und um den Rücktransportzauber vorzubereiten.«

Den beiden Eichhörnchen gelingt es, das Ende eines Wasserschlauches so umzuleiten, das lauwarmes Wasser bis zum Stamm von Albasol hinüberläuft. Der Waldkauz und die Spatzen halten solange Wache.
Die Tanne ist mittlerweile vor lauter Erschöpfung eingeschlafen und schnarcht leise vor sich hin.

Den ganzen Tag über beobachten die fünf, wie die Menschen Hütten und Marktstände rund herum aufbauen. Hier ein Bratwurststand, da ein Getränkewagen und mittendrin ein Geschenkeladen.
Es ist so viel Gewusel auf dem Platz, dass sie erst spät bemerken, wie zwei Hubwagen mit je einem langen Auslegerarm vor Albasol aufgestellt werden. Vor Schreck ergreifen sie blitzartig die Flucht.
Einige Frauen und Männer fahren in Körben, die an den Auslegerarmen befestigt sind, an der Tanne bis zur Spitze empor und beginnen Kerzen, Glaskugeln, Holzfiguren, Glitzerbänder und allerhand anderen Weihnachtsschmuck an den Ästen und Zweigen anzubringen. Nach kurzer Zeit erstrahlt der Baum in einem bunten Glitzerkleid. Zu guter Letzt wird auf die Baumspitze ein großer, weiß leuchtender Stern aufgesetzt. Nun ist Albasol wahrlich ein wunderschöner Weihnachtsbaum.

Als die zwei Spatzen und die beiden Eichhörnchen wieder auf den Baum zurückkehren, sind sie überwältigt von dem vielen Glanz und den bunten Lichtern, die Albasol so anmutend erstrahlen lassen.
»Oh, schaut nur«, wundert sich Tammy. »Ist das nicht bezaubernd. Unsere Albasol ist schon immer die Schönste unter den Tannen gewesen. Nun ist sie noch viel schöner.«
»Ja, toll! Wie das alles glitzert«, stimmt Yammy zu und stupst mit der Pfote gegen eine Glaskugel. »Oh je, da ist ein Eindringling«, warnt sie Tammy und schlägt mit voller Kraft auf ihr Gegenüber ein. So heftig, dass die Kugel abreißt und zu Boden fällt.
»Das bist Du doch selbst, Du Dummerchen«, lacht Fridolin. »Das ist Dein Spiegelbild. Hast Du Dich noch nie im Spiegel gesehen?«
»Nein. Was ist ein Spiegel?«, fragt Yammy.
»Ein Spiegel ist eben ein Spiegel«, antwortet Fridolin. »Ich sehe mich immer im Teich, wenn ich darüber fliege.«
»Also ist der Teich ein Spiegel?«, fragt Yammy noch einmal nach.
»Seid leise! Am besten wird es sein, wenn Ihr beim Lehrer Dachs nachfragt, was ein Spiegel ist«, flüstert Schröder von draußen den vieren zu. »Hier kann ich nun nicht mehr landen. Ich wache ab sofort dort oben auf dem Schlossdach.« Dann fliegt er davon.

Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Sonne ist dabei, unterzugehen. Leise rieseln hier und da einige Schneeflocken zu Boden.
Es duftet nach Bratwurst, Glühwein und Eierkuchen. Vor den Hütten bilden sich lange Menschenschlangen und aus dem Schloss ertönen weihnachtliche Klänge, die weithin, bis tief ins Land, noch zu hören sind.
Mehrere hundert Menschen haben sich um den Weihnachtsbaum herum versammelt und staunen über dessen Farbenpracht. Als dann auch noch die vielen Kerzen angezündet werden, geht ein lautes Raunen durch die Menschenmenge.

Albasol packt die Eitelkeit.

Morgelgeschichte 6 - Morgel und die eitle Albasol

All der Lärm und das Licht lassen Albasol erwachen. Sie spürt die wohlige Wärme der brennenden Kerzen, die sie allseitig umkleidet. Die Schmerzen in ihren Ästen und Zweigen verlieren sich allmählich ins Nichts.

Die Weißtanne entdeckt mit einem Mal die vielen Menschen um sich herum und ist erst einmal verwirrt. Was wollen die alle von mir, fragt sie sich. Wieso schauen die mich so an?
Doch dann bemerkt Albasol den Weihnachtsschmuck und wie dieser so wunderschön an ihr glitzert und glänzt. Sie, ein einfacher Baum, steht plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens. Alle wollen sie sehen. Alle staunen.
Mit letzter Kraft bäumt sie sich auf. Sie breitet ihre Äste und Zweige weit aus, sodass die Glaskugeln und Figuren erbeben und zu tanzen anfangen.

Mit ernster Stimme spricht Albasol zu den Eichhörnchen und Spatzen: »Was wollt Ihr denn noch? Ich brauche Euch nun nicht mehr. Geht fort! … Die Menschen wollen nur mich sehen. … Seht her, Ihr Leute, ich bin es, Albasol. Die schönste Tanne weit und breit.«
»Jetzt dreht sie durch«, ist Sparky entsetzt. »Die können Dich doch gar nicht hören.«
»Was ist los mit Dir? Albasol«, fragt Tammy erstaunt. »Wir wollen Dir doch helfen. Wir wollen Dich zurückholen, in den Morgelwald.«
»Ich brauche Eure Hilfe nicht! … Ich wusste schon immer, dass ich dort im Wald am falschen Platze stehe«, antwortet Albasol herablassend und eitel. »Endlich erkennt man, wie schön ich doch bin. Nun geht endlich! Lasst mich allein! Ihr stört mein Gesamtbildnis, denn ich bin nun ein Star!«
»Los kommt! Wir gehen! Das müssen wir dem Waldkauz berichten«, fordert Yammy die anderen auf. »Die spinnt doch.«

Mittlerweile ist der Kobold aus dem Wald zurückgekehrt und schaut zusammen mit dem Waldkauz vom Giebel des Schlossdaches aus, dem Treiben auf dem Weihnachtsmarkt zu.

Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang, hatten sich der Morgel und die Waldfee Regina mit etlichen Zauberbüchern in dessen Kammer in der Wurzelhöhle eingeschlossen, um einen passenden Zauber für eine Rückkehr Albasols zu finden. Das war überaus mühsam. Die Seiten der in feinem Leder eingebundenen Bände waren schwer zu lesen, da sie in einer uralten Schrift verfasst, mittlerweile stark vergilbt und teilweise von Mäusen oder anderem Getier angefressen worden sind. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Die beiden wurden fündig.
Der Zauber besagt, dass als erstes dafür Sorge zu tragen ist, dass der noch immer blutende Baumstumpf feucht gehalten wird. Nur so bleiben die Gefäße für den Transport der Nährstoffe und des Wassers, welche den gesunden Baum bis in die letzte Zweigspitze versorgen, heile. Laut Zauberbuch hilft da nur ganz viel Schneckenschleim. Und so beauftragte Morgel Kunigunde, die Riesenschnecke, fortwährend auf dem Stumpf herumzurutschen, bis der Zauber abgeschlossen und Albasol wieder mit diesem verbunden sein wird.
Als zweites benötigt man eine Art Klebstoff. Unter der Leitung des Lehrers Dachs fertigen die Tierkinder ein Gemisch aus Löwenzahnmilch, Baumharz, Honig und Krötenschleim an. Dieser wird dann zu gegebener Zeit auf dem Baumstumpf verteilt. Bevor der Stamm auf den Stumpf aufgesetzt werden kann, ist noch eine weitere, geheime Zutat aufzutragen. Nur die Waldfee ist befähigt, den Sud dazu in ihrer Kräuterküche zusammen zu brauen.
Die dritte und wichtigste Zugabe muss allerdings von Albasol selbst kommen. Ihr unumstößlicher Wille muss es sein, ohne Wenn und Aber, wieder an ihren angestammten Platz im Morgelwald zurückkehren zu wollen.
Und zu guter Letzt ist noch ein Quäntchen Glück von Nöten, von keinem Menschen bei der Zauberei beobachtet zu werden.

Damit auch die Schnittfläche an Albasols Stamm feucht bleibt, hat Morgel einen Becher voll mit Schneckenschleim zum Weihnachtsmarkt mitgebracht und bereits unter der Tanne verteilt.

Als der Kobold jedoch vom Streit zwischen der Tanne und den Tieren hört, entscheidet er, dass Albasol nun doch noch eine Weile hier ausharren muss: »Unter diesen Umständen können wir nichts tun. Wir kommen nicht umhin, abzuwarten. Albasol muss von sich aus auf ihren angestammten Platz vor der Wurzelhöhle zurückkehren wollen, ansonsten wirkt mein Zauber nicht und das Wunder misslingt. … Lenkt sie nicht von selbst ein, wird sie wohl oder übel hier sterben müssen.«
»Aber wir geben doch nicht auf! Oder?«, fragt Tammy.
»Das werden wir sicher nicht. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, holen wir Albasol zurück«, beruhigt ihn Morgel, »und nun lasst uns in den Morgelwald zurückkoboldieren.«

Die schreckliche Nachricht über Albasols selbst gewähltes Schicksal spricht sich am nächsten Morgen schnell herum im Morgelwald. Mitgefühl und tiefe Trauer machen sich innerhalb der Gemeinschaft am Komstkochsteich breit, aber auch eine gehörige Menge Unverständnis.

Begeisterung entfachen jedoch die Erzählungen der Spatzen und Eichhörnchen über den prächtigen Weihnachtsschmuck und die vielen bunten Lichter. Und so kommt es, dass auch die Tierkinder ihren Wald farbenfroh schmücken möchten. Eilig kramen sie alles, was irgendwie nach weihnachtlichem Schmuck aussehen könnte, zusammen. So landen allerhand alte Blechdosen, in denen einmal Farbe, Bier oder Suppe drinnen war, Trinkflaschen, Brotdosen, aber auch Bretter, Eisenstangen, Kleidung der Menschen, Angeln, Rucksäcke und Landkarten auf einem riesigen Haufen.
»Was wollt Ihr denn mit diesem Schrott anfangen?«, fragt Lehrer Dachs, als er zufällig am Ort des Geschehens vorüber kommt.
»Wir möchten auch so schöne, buntleuchtende Bäume und Sträucher hier im Morgelwald haben«, rufen die Tierkinder ihm zu.
»Aber doch nicht damit!«, ruft der Dachs sie mit erhobener Stimme zur Ordnung. »Ich mache Euch einen Vorschlag. Wir sprechen sofort mit der Waldfee und fragen sie, ob sie uns mit ihrem Zauberstab einen Glitzerwald herbeizaubern kann. Was haltet Ihr davon?«
»Au ja!«, freuen sich die Tierkinder. »Lasst uns schnell zu ihr laufen.«

Regina ist von der Idee fasziniert und fliegt sogleich eine große Runde um den Teich. Dabei versprüht die Fee Tonnen von Feenstaub. Im Nu glitzern die Bäume und Sträucher in allen Farben und leuchten weit hinauf in den Nachthimmel.
»Hurra! Hurra!«, grölen die großen und kleinen Bewohner des Morgelwaldes laut heraus.
»Das ist wie in einem Märchen! So einen traumhaften Winter können Euereins von nun an immer haben«, freut sich die Waldfee und dreht gleich noch mal eine zweite Runde. »Welch eine Wonne mir das doch bereitet!«

Albasols Rettung.

Für Albasol hat nun das wahre Leben begonnen. Sie fühlt sich in ihrer Rolle als Weihnachtsbaum pudelwohl und möchte, dass dies nie mehr wieder aufhört. Ihre Traurigkeit scheint für immer verflogen zu sein. Auch die quälenden Schmerzen spürt sie nicht mehr.
Von nun an wird sie bewundert. Tag ein, Tag aus. Nacht für Nacht. Das bunte Treiben um sie herum macht sie glücklich, froh und auch ganz schön eitel.

Doch eines Tages bleibt der Trubel aus. Niemand nimmt mehr Notiz von ihr.
Die Hütten und der Platz bleiben dunkel und verwaist. Albasols Kerzen sind erloschen. Ein eisiger Wind bläst ihr durchs Geäst. Es ist bitterlich kalt um sie herum geworden.

Durch die Fenster des Schlosses kann Albasol tanzende Menschen in einem festlich geschmückten Saal beobachten. In einem anderen Saal wird gegessen, getrunken, erzählt und gelacht.
Weißbärtige Männer in roten Mänteln, mit prall gefüllten Jutesäcken laufen umher und rufen unentwegt: »Hohoho! Hohoho!« Sie klopfen an die Haustüren und bitten um Einlass.
Aus einer entlegenen Kapelle sind Gesänge zu hören. In den vielen kleinen Häuschen um sie herum brennen bunte Lichter. Durch die Fenster der Stuben sieht Albasol Miniweihnachtsbäume stehen. Die Menschenkinder singen und lachen. Sie erhalten Geschenke überreicht, die zuvor unter den Bäumen lagen.

Die Menschen machen sicher nur mal eine Pause vom Bestaunen. Morgen kommen die bestimmt alle wieder, beruhigt sie sich. Doch Albasol wartet vergebens, denn auch an den Tagen danach sind die Straßen und Plätze wie gekehrt. Keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen. Nicht mal ein Hund streunt durch die Gassen. Sie fühlt sich einsam und verlassen.

Soll es das gewesen sein, fragt sich Albasol. Ihre Kräfte schwinden. Sie spürt, dass einige Zweige bereits erfroren sind, und viele Tannennadeln ihr leuchtendes Grün verloren haben und von ihr zur Erde fallen. Ihre Borke ist vertrocknet und rissig. Nur mit Mühe kann sie die letzten Lebenssäfte aus dem Stamm nach oben bis zur Spitze saugen. Nun geht es zu Ende, ist sie sich sicher. Wo sind nur meine Freunde geblieben, fragt sie sich. Vor Gram und Erschöpfung schläft Albasol tief ein.

Als sie am nächsten Tag erwacht, ist Albasol abgeschmückt. Der Glitzerschmuck, die Glaskugeln, die Kerzen, alles ist weg. Kahl und geschunden steht sie nun da. Tieftraurig und von aller Welt verlassen, glaubt sie.

Vom Dach des Schlosses aus, mussten Morgel und der Waldkauz wohl oder übel erst den Untergang und dann das Bangen und Flehen der Tanne mit ansehen.
»Nun ist der richtige Zeitpunkt gekommen«, spricht Morgel zu Schröder. »Jetzt holen wir Albasol nach Hause.«
»Glaubst Du, dass der Zauber noch gelingen wird«, fragt der Waldkauz nach. »Sie sieht ziemlich elend aus.«
»Ich bin mir sicher«, beruhigt ihn der Kobold. »Lass es uns wagen. Die Luft ist rein. Niemand ist weit und breit zu sehen.«

Während Schröder Albasol aufweckt und mit solidarischen Worten von ihrer Trauer befreit, steht Morgel vor der Tanne und ruft ihr laut zu: »Albasol! Möchtest Du, dass wir Dich nach Hause holen? Zurück in den Morgelwald. An Deinen angestammten Platz. Zu Deinem geliebten Albamon. Zu Deinen Freunden, die Dich alle sehr vermissen. Willst Du das? Wenn ja, dann sage es jetzt!«
»Ja, bitte! Ich will wieder nach Hause. Hier ist es so bitterkalt und einsam«, krächzt sie mit letzter Kraft.
»Dann sei es so! Halte Dich fest Schröder! Die Luftreise beginnt!«

Im hohen Bogen schwingt der Kobold den Zauberstab und drückt die Wurzelhöhle-Taste auf seinem Tastending. Plötzlich ruckelt und bebt der ganze Stamm. Unzählige abgestorbene Zweige und Nadeln prasseln zu Boden.
Wie von Geisterhand brechen die stählernen Verankerungen aus der Erde und die Tanne steigt sachte, wie eine Rakete, empor. Mit einem laut peitschenden Knall reißen die angenagelten Kabelbäume ab.
Morgel schnappt sich einen dicken Ast und schon fliegt er mit dem Baum schnell wie ein Blitz durch die eiskalte Winterluft davon.

Sekunden später kommen die drei an der Wurzelhöhle an. Albasol schwebt nun senkrecht direkt über dem verwaisten Baumstumpf, den Dinco bereits mit Zauberklebstoff eingestrichen hat. Gleich nach der Ankunft bestreicht er noch schnell die Schnittfläche des Stammes.
»Wie Ihr wisst, verlangt der Zauber zwei weitere Zauberzutaten«, ruft die Waldfee dem Morgel zu. »Schaut in Eure Manteltasche. Dort werdet Ihr ein Fläschchen vorfinden.«
Der Kobold greift hinein und holt in der Tat ein kleines dunkelblau leuchtendes Fläschchen heraus. Er zieht den Korken ab und verteilt den geheimnisvollen Inhalt gleichmäßig auf der eingestrichenen Fläche. Die Masse beginnt zu zischen und dampfen, so als würde sie anfangen zu sieden. Sachte lässt Morgel die Tanne auf dem Baumstumpf aufsetzen. Zwischen den Schnittflächen blitzt ein grünes Licht auf. Es leuchtet umso mehr, je näher sich Stamm und Stumpf kommen.
Zu guter Letzt streicht die Waldfee mit ihrem Zauberstab am Spalt entlang, welcher sich daraufhin komplett mit feinen Bläschen verschließt. So, als hätte es die Schnittwunde nie gegeben.
Das grüne Licht wird heller und heller. Dann steigt es am Baumstamm empor, bis es die Weißtanne vollkommen umschließt.

Morgelgeschichte 6 - Morgel und die eitle Albasol

Kurze Zeit später setzt ein kraftvolles Rauschen ein. Es wird lauter und lauter. Die Lebenssäfte strömen aus den Wurzeln hoch in den Stamm. Alsbald erwacht die Tanne aus ihrem Tiefschlaf, bäumt sich auf und atmet so richtig tief durch. An ihren Zweigen bilden sich neue Triebe aus. Wo man hinschaut, sprießen grüne Nadeln aus ihrem Geäst. Die Risse in der Borke schließen sich zusehends und Albasol erstrahlt an Ort und Stelle so, als wäre sie nie fort gewesen.
Nun ist auch der Zauberbann rund um die Wurzelhöhle wieder ungebrochen und der Schutz vor unerwünschten Eindringling geboten.

Während der gesamten Prozedur herrschte Totenstille. Niemand wagte es, zu räuspern oder gar zu flüstern. Erst als sich Albasol ihrem geliebten Albamon zuwendet und sie sich inniglich mit ihren Zweigspitzen berühren, gibt es kein Halten unter den Tieren und Pflanzen mehr. Ein ohrenbetäubender Jubel bricht los. Manche tanzen vor Glück und andere weinen vor Freude.
Auch Albamon ist überglücklich, endlich die geliebte Albasol erneut an seiner Seite zu wissen.
Bis in die Nacht hinein wird gefeiert, getanzt und gelacht. Alle sind glücklich und zufrieden.

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Morgel und die Riesenameise (Teil 7)

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