Morgel und die Abenteuer in der Waldschule (Teil 2)

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Morgelgeschichte 2 - Morgel und die Abenteuer in der Waldschule


Im Gedenken an Antony vom Leinetal, dem treuesten Gefährten
(*1993 – †2012).

Autor: Jens K. Carl, Illustrator: Jens K. Carl.

»Ist heute nicht ein wunderschöner Morgen?«, fragt Lehrer Dachs den Waldkobold Morgel, als er den Vorhang vor dem Fenster zurückzieht. »Endlich geht die Schule wieder los.«
Er ist vor Stunden aufgestanden, um sich in seiner Dachshöhle auf die ersten Unterrichtsstunden vorzubereiten.
Wartend steht Morgel in der Tür und antwortet: »Da gebe ich dir recht. Lass uns bei dem schönen Wetter ruhig schon früher loslaufen. Die Tierkinder warten bestimmt schon am Schulplatz.«
Der Lehrer zieht seine blaue Weste über, klemmt die braune Aktentasche unter den Arm und hängt das Monokel um den Hals. Zusammen machen sich beide auf den Weg zur Waldschule.

»Sechs Schulanfänger haben heute Schuleinführung und zwei Tierkinder wollen noch ein zweites Jahr teilnehmen. Also acht insgesamt«, erzählt der Kobold.
»Na dann schauen wir doch mal, ob wirklich alle gekommen sind«, ist Lehrer Dachs gespannt. »Ich habe gestern bereits einige Leckereien für die Abc-Schützen dort versteckt.«

Tatsächlich stehen schon alle Tierkinder mit ihren Eltern auf dem Schulplatz in der Nähe der Dicken Eiche. Die Bache Wilma mit den Frischlingen Ben, Ken und Molli, die Ricke Gertrud mit dem Rehkitz und die beiden Eichhörnchengeschwister Tammy und Yammy. Alle tollen umher und freuen sich auf den ersten Schultag. Auch Fuchs Lothar vom Hocksloch und die Luchsin Lava wollen dieses Jahr noch einmal zur Schule gehen.

Der Unterricht findet im Freien statt. An einem im Dickicht gut versteckten Platz stehen zehn Baumstümpfe im Kreis. Neun Kleine für die Schulkinder und ein Großer für den Lehrer. Dieser Ort ist mit allerlei Buchen und Eichen umgeben, deren dichtes Blätterdach Schutz vor Wind und Regen bietet.

Der Dachs spricht zu den Tierkindern: »So, nun sucht sich jeder von Euch einen Platz und ich möchte keinen Streit darum erleben.«
Die Kleinen springen sofort los.
Ben schupst Ken an und grunzt: »Rupp, rupp! Das ist mein Platz!«
Ken erwidert: »Ich sag es Dir nur einmal! Hier will ich sitzen!«
Molli ermahnt die Zwei: » Jetzt ist aber Ruhe hier! Setzt Euch endlich hin!«
Tammy und Yammy streiten sich nie. Am liebsten wollen die Eichhörnchen auf einem Baumstumpf zusammensitzen. Sie sind immer gut gelaunt, singen den ganzen Tag lang und spielen oft Fangen oder Verstecken.
Auch Lava und das Rehkitz finden ihre Plätze.
Lothar nimmt den Baumstumpf weit hinten. Er hat es nicht so mit dem Lernen und stört hin und wieder mit vorlauten, flotten Sprüchen den Unterricht.

»Fertig?«, fragt der Dachs. »Guten Morgen liebe Kinder.«
»Guten Morgen Herr Lehrer, guten Morgen Herr Morgel«, rufen die Tierkinder im Chor.
Der Kobold nickt freundlich zurück.
»Als Erstes begrüße ich die sechs Neuen herzlich in unserer Schulgemeinschaft«, spricht der Lehrer in die Runde. »Ich freue mich aber auch darüber, dass einige Zweitklässler wieder freiwillig am Unterricht teilnehmen wollen. Seid herzlich willkommen. Stellt Euch doch bitte nacheinander vor und sagt mir, was Ihr einmal werden wollt. Du fängst an«, fügt er hinzu und zeigt mit seinem Zeigestock auf den Frischling Ken.

»Ich? Mein Name ist Ken. Ich bin ein kleines Ferkel und will einmal ein Feuerwehrschwein werden.«
Alles lacht.
»Ich bin Ben. Ich will ein wilder Keiler werden, wie es mein Vater Karlo ist.«
»Und ich heiße Molli. Das sind meine Brüder«, sagt sie und zeigt dabei auf die Frischlinge Ben und Ken. »Ich muss mich um die beiden kümmern und später will ich selbst eine gute Bache sein.«
»Wir sind Brüder«, singen die zwei Eichhörnchenmännchen im Chor. »Ich bin Tammy und ich Yammy. Wir müssen uns um uns selbst kümmern, unsere Eltern sind nicht mehr da. … Ach, und wir wollen später Sänger werden«, fügen sie noch hinzu.
»Mein Name ist Rehkitz.«
»Das ist doch kein Name, Du Dummerchen«, plappert der Fuchs dazwischen.
»Das ist sehr wohl ein Name, nämlich mein Name und ich will einmal Lehrer werden. Ätsch!«, erwidert das Kitz und wackelt mit seinen Ohren hin und her.
»Ich möchte keine Zankereien in meiner Schule. Das gilt besonders für Dich, Lothar«, mahnt der Dachs, »und nun bist Du dran.«
»Gestatten! Lothar vom Hocksloch. Ich bin hier der stolzeste Fuchs weit und breit«, tönt es aus ihm heraus. Er steigt auf den Baumstumpf, präsentiert seinen durchtrainierten Körper und wedelt dazu mit der weißen buschigen Rute. »Nehmt Euch also in Acht vor mir!«
»Du Angeber! Ich heiße Lava. Ich bin eine eurasische Luchsin. Einzigartig und unschlagbar. Wer also Hilfe braucht, Ihr Kleinen, kommt zu mir. Aaaaoouuuuh!«

»Nun gut! Jetzt hattet Ihr alle euren Spaß«, sagt der Dachs. »Dann wollen wir uns an den Lehrstoff machen. Zuerst aber verabschieden wir eure Eltern und Herrn Morgel. Auf Wiedersehen! Ich werde gut auf Ihre Kleinen aufpassen.«
Die Tierkinder rufen alle zusammen: »Auf Wiedersehen!«
Die Bache Wilma und die Ricke Gertrud verlassen wortlos den Schulkreis und winken noch einmal zum Abschied.
»Dann werde auch ich mich zurückziehen«, spricht der Kobold. »Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lernen. Ade Dachs! Ade Kinder!«

»So nun kann es losgehen. Aber schaut doch erst einmal unter eure Baumstümpfe und in die Ritzen der Rinde«, freut sich der Dachs. »Dort findet Ihr allerlei Leckerlis zum Schulanfang. Lasst uns erst einmal frühstücken.«
»Au ja, Hullern, Kaustangen, Eckern und Wurzelbrot mit Pflaumenmus«, ruft Ken.
»Mmmh, das schmeckt!«, schmatzt Ben drauf los.

Die Tierkinder besuchen die Waldschule meist ein ganzes Jahr lang. In dieser Zeit bekommen sie alles gelehrt, was man über das Leben im Wald wissen muss. Welche Gefahren lauern können. Was man essen kann und was nicht. Sie lernen die Landschaft und die Menschen kennen und die Regeln, die für jeden gelten, der zur besonderen Gemeinschaft am Komstkochsteich gehört.

Die ersten Schultage sind schnell vorüber. Die Tierkinder haben eine Menge Spaß am Lernen und freuen sich darauf, all die schönen Dinge in Wald und Flur kennenzulernen.
Am besten gefallen ihnen die Wandertage. Manchmal sind sie auf dem Geizenberg oder auf dem Burgberg unterwegs und schauen von oben auf die Siedlungen der Menschen. Manchmal ziehen sie hinüber auf den Striemelsberg oder runter zum Otterbach. Nur in den dichten Wald bei der Finsteren Tanne wollen sie nicht so gern, denn da ist es dunkel und gruselig.

Als die Tierkinder eines Tages zusammen mit dem Lehrer Dachs an der Sieben Buchenbank Bucheckern, Eicheln und andere Waldfrüchte sammeln, begegnet ihnen Antony vom Leinetal. Ein hübscher, weißer Terrier, der seit vielen Jahren beim Kobold Morgel in der Wurzelhöhle lebt.
»Hallo Antony!«, begrüßt ihn der Lehrer. »Du warst wohl wieder einmal bei Herrn Harry? Leckerlis abstauben und Fernsehen gucken?«
»Sei gegrüßt Dachs. Hallo Kinder«, grüßt er zurück. »Stimmt, da war ich gerade. Ich gehe immer gern dort hin. Seit es diese Fernsehdinger gibt, weiß ich wenigstens, was so los ist auf der Welt. Davon muss ich dann auch immer dem Morgel berichten.«
»Dann wollen wir Dich nicht länger aufhalten«, spricht der Dachs. »Bestelle Herrn Morgel einen schönen Gruß von uns, wenn Du ihn siehst.«

Plötzlich spitzt der Hund seine Ohren. Aus dem nahe gelegenen Dickicht ist das leise Winseln eines Tieres zu hören, so als wäre es verletzt und in Not.
»Hörst Du das auch?«, fragt Antony.
»Klar doch! Was kann das sein?«, erwidert der Dachs und geht einige Schritte ins Dickicht hinein. Er kann kaum glauben, was er da entdeckt. Ein kleiner, weißer Hundewelpe, nicht größer als ein Eichhörnchen, sitzt dort angeleint an einem Baum. Der Welpe zittert vor Angst und weint. Sein Fell ist nass und beschmutzt von Kot und Urin.
»Oh, ist der süß, so süß«, ruft das Rehkitz und stolpert auf den Welpen mit den runden, schwarzen Augen zu. »Wer bist Du denn?«, möchte es wissen.
»Wuff! Paschinka. Mein Name ist Paschinka. Ich habe Durst.«
»Was ist passiert und wie kommst Du hierher?«, fragt der Dachs nach.
»Mein junger Herr Tim ist mit mir Gassi gegangen. Dann kamen noch zwei andere Jungs zum Spielen dazu. Er hat mich hier angebunden. Nun warte ich, dass mein Herrchen wieder zurückkommt«, berichtet Paschinka.
»Wie lange ist das denn schon her?«, fragt Antony.
Wieder bricht der kleine Hund in Tränen aus und antwortet: »Ich warte schon die ganze Nacht hier.«
»Schon seit gestern? Wie kann man Dich nur hier vergessen?«, fragt das Rehkitz entsetzt in die Runde und fügt hinzu: »Was machen wir nun mit ihm? Wir können ihn doch nicht hierlassen.«
»Ich habe Hunger und Durst.«
»Purrs, purrs!«, beruhigt der Dachs und löst die Leine vom Baum. »Du musst keine Angst haben, mein Kleiner. Wir tun Dir nichts. Am besten wird es sein, wenn Herr Antony Dich mit zu Herrn Morgel nimmt. Der weiß sicher, was in einem solchen Fall zu tun ist.«
»Das wollte ich auch gerade vorschlagen«, spricht Antony und schnappt Paschinka sanft am Nacken, um ihn vor sich her zu tragen. »Ich mache mich dann schon mal auf den Weg. Ade und viel Spaß noch Euch allen. Wuff!«

Morgelgeschichte 2 - Morgel und die Abenteuer in der Waldschule

»Och! Wir wollen auch mit zu Herrn Morgel«, rufen Tammy und Yammy.
»Wir haben doch schon genug Eicheln gesammelt«, nuschelt Ken dazwischen und kaut lustig vor sich hin.
Der Lehrer schaut ihn an und spricht: »Ach ja, wohl in Dein Maul gesammelt. Was? Ich kann Deine dicken Backen noch sehen. … Aber na gut, dann schauen wir eben auch einmal beim Kobold vorbei.«

Sodann machen sich alle gemeinsam auf den weiten Weg zur Hohen Wurzel. Dort, oberhalb des Komstkochsteiches, liegt die Wurzelhöhle des Koboldes Morgel.
»Was macht Ihr denn hier?«, ruft er der Meute entgegen. »Ich denke, Ihr seid heute an der Sieben Buchenbank wandern und sammelt dort Beeren und Früchte.«
»Antony hat dort eine tolle Entdeckung gemacht. Schau hier, ein Paschinka«, antwortet Molli und zeigt dabei auf den Welpen.
»Wen habt Ihr denn da? Ein kleiner Hund«, ist der Kobold erstaunt. »Antony, den wirst Du doch nicht etwa aus der Siedlung stibitzt haben?«
»Nein, natürlich nicht! Er wurde einfach von einem Tim im Wald ausgesetzt«, antwortet der Terrier, nachdem er Paschinka vorsichtig vor der Höhle abgelegt hat. »Wenn ich diesen Tim erwische, aber dann…!«
»Was machen wir nur mit ihm?«, fragt Lehrer Dachs.
»Gute Frage. Na, er wird wohl erst einmal hierbleiben müssen, bis wir wissen, wo er herkommt. Ob ihn dieser Tim vermisst. Was sonst?«, bestimmt Morgel und fasst sich an den Kopf. »Eyers-maners-duers, erst noch!«
»Ich schlage vor, dass ich mich einmal in der Siedlung umhöre, wo dieser Tim wohnt. Was hältst Du davon?«, fragt Antony nach.
»Gute Idee«, antwortet der Kobold.
»Da mache ich mich gleich auf den Weg. Wuff!«, bellt der Terrier laut und flitzt sofort los.

Der Welpe schaut erstaunt dem Treiben der Tiere um sich herum zu. Vor lauter Angst bekommt er kein Wort heraus.
»So, Du heißt Paschinka. Du musst Dich nicht fürchten. Hier tut Dir niemand etwas zuleide. Wir zwei werden mal schauen, ob wir etwas zu futtern für Dich finden. Sicher hast Du auch Durst und baden solltest Du auch«, spricht Morgel und führt ihn in die Wurzelhöhle hinein. »Wolltet Ihr nicht wandern gehen?«
»Stimmt!«, gibt der Dachs dem Kobold recht. »Der Unterricht ist noch lange nicht vorbei. Auf geht es, meine lieben Schülerchen.«

Stundenlang hat Antony vergebens in der Siedlung nach diesem Tim gesucht. Er ist viele Straßen und Plätze abgelaufen, hat in der Kaufhalle vorbeigeschaut und auch an der Menschenschule.
Er weiß weder, wie der Junge aussieht, noch was er an Kleidung anhat. Lediglich den Duft vom Paschinka hat er in der Nase. Aber dessen Fährte ist nirgends zu erschnüffeln.
Insgeheim ist Antony glücklich darüber, denn so muss Paschinka als Gast in der Wurzelhöhle bleiben. Er kann es kaum abwarten, den Welpen unter seine Fittiche zu nehmen. Endlich wartet eine richtige Aufgabe auf ihn.

Auf dem Rückweg steigt dem Terrier dann doch noch Paschinkas Fährte in die Nase. Ein Junge rast hastig auf einem Fahrrad an der Sieben Buchenbank auf und ab und ruft unentwegt den Namen Paschinka.
Das muss Tim sein, denkt sich Antony und überlegt, wie er dem Jungen gehörig den Kopf zurechtrücken kann. Da kommt ihm eine Idee. Geschwind sucht er den Lehrer auf, der mit seiner Tiergruppe noch immer auf der Kräuterwiese Beeren und Kräutern sammelt.
»Dachs! Dachs!«, ruft Antony. »Ich habe den Jungen entdeckt, der unseren Paschinka ausgesetzt hat.«
»Das ist ja prima. Wo ist er denn?«, möchte der Lehrer wissen.
»In dem kleinen Birkenwäldchen, da, wo er den kleinen Paschinka angeleint hatte«, antwortet Antony. »Ich habe da eine Idee. Komme bitte und bringe den Fuchs und die Luchsin mit.«

Die Vier machen sich auf den Weg, dem Jungen eine Lektion zu erteilen. Von mehreren Seiten her pirschen sie sich an Tim heran, ohne sich dabei zu zeigen.
»Tim, wie kannst Du den Paschinka hier allein zurücklassen?«, fragt Lothar aus dem Dickicht heraus.
»Tim, wie kannst Du den Paschinka fast verdursten lassen?«, fügt Lava hinzu.
Tim erschrickt: »Aber das habe ich doch nicht gewollt. Wer spricht denn da? Wo ist mein lieber Paschinka denn hin?«, antwortet er ängstlich und verzweifelt.
»Tim, warum hast Du den Paschinka hier ausgesetzt?«, möchte der Dachs wissen.
»Seid Ihr Geister? Das war doch keine Absicht. Ich war doch krank geworden. Ihr macht mir Angst!«, fleht der Junge. »Wo ist mein Paschinka?«
»Was hast Du denn für eine Krankheit?«, fragt Antony.
»Ich bin zuckerkrank!«, antwortet Tim und dreht sich im Kreis, um die Geister zu entdecken. »Wer möchte das denn wissen. Zeigt Euch!«
»Zuckerkrank? Das habe ich ja noch nie gehört. Was ist das für ein Leiden?«, fragt der Fuchs noch nach.
Tim steigt vom Fahrrad, kauert sich an einen Baum, bricht in Tränen aus und jammert: »Ich möchte meinen kleinen Paschinka wiederhaben.«
Antony gibt Lava, Dachs und Lothar ein Zeichen, dass sie sich zurückziehen sollen. Im gleichen Moment tritt der Terrier aus dem Gebüsch hervor, geht auf Tim zu und spricht: »Sei nicht traurig. Paschinka ist in Sicherheit.«
Tim erschrickt abermals und springt auf: »Du bist nicht Paschinka. Wer bist Du? Wieso sprichst Du?«
»Mein Name ist Antony vom Leinetal. Ich bin ein Zauberhund.«
Tim reibt sich die Augen. »Wie bitte? Ich verstehe nicht. Ich glaube, ich träume.«
»Wie gesagt, Paschinka geht es gut«, fügt Antony hinzu. »Setz Dich und lass uns reden!«

Die beiden sich auf einem alten Baumstamm, der am Wegesrand liegt.
Tim erzählt: »Die ganze Nacht habe ich an Paschinka gedacht und gehofft, dass ihm nichts Schlimmes passiert ist.«
»Wieso bist Du nicht zurückgekommen?«, fragt Antony.
»Ich hatte am Tag zuvor viel zu wenig gegessen und getrunken. Beim Herumtollen mit den anderen Jungs ist mir schlecht geworden und ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Doktorin hat mir Bettruhe verordnet und so konnte ich die ganze Nacht nicht nach Hause, um nach Paschinka zu suchen.«
»Es war also keine Absicht von Dir, den Hund hier auszusetzen und ihn sich selbst zu überlassen«, stellt Antony fest. »Stimmt das?«
»Ja, das stimmt! Niemals würde ich so etwas Paschinka antun. Ich habe ihn doch erst vor ein paar Tagen vor dem Ertrinken gerettet«, antwortet Tim.
»Wie gerettet?«, möchte Antony wissen.
»Ich habe einen Sack aus dem Bach gefischt. Da waren vier kleine Hundewelpen drinnen. Nur einer davon lebte noch. Ich nannte ihn Paschinka und nahm ihn mit nach Hause. Die anderen habe ich begraben.«
»Oho!«, ist Antony erstaunt. »Das war eine sehr gute Tat von Dir. Gut so! Dann bist Du ja ein keiner Held.«
»Wann kann ich meinen Hund wiedersehen?«, möchte Tim wissen.
»Paschinka ist jetzt an einem Ort, wo es ihm an nichts fehlt. Es ist so, dass er sich von dem Stress, den er erleiden musste, erholt. Das musst Du verstehen. Du kannst ihn also jetzt nicht gleich zurückbekommen.«
»Aber er gehört doch jetzt mir.«
»Paschinka ist zu früh von seiner Mutter getrennt worden. Er muss noch viel lernen. Das macht er am besten unter seinesgleichen, also bei mir. Ich werde die Erziehung fortsetzen«, gibt Antony zu verstehen. »Geh nun nach Hause und sprich mit niemanden über das Erlebte. Das muss unser Geheimnis bleiben. Nur dann wirst Du in der Lage sein, Paschinka und mich wieder sehen zu können. Schwöre den Morgelschwur!«
»Wie lautet der?«, fragt Tim.
»Du musst sagen: Ich schwöre bei Morgel! Die linke Hand heben und dabei den Zeigefinger und den Mittelfinger abspreizen«, fordert Antony ihn auf.
»Ich schwöre bei Morgel!«, wiederholt der Junge und hebt dabei die linke Hand mit den beiden abgespreizten Fingern. »Wo kann ich Dich wiedertreffen?«
»Wenn überhaupt nur hier, an dieser Stelle. Rufe laut Antony und ich werde vielleicht erscheinen.«
Der Junge nimmt sein Rad und zieht von dannen. Der Terrier schaut Tim noch eine ganze Weile nach, ob er auch wirklich nach Hause geht. So richtig traut Antony ihm doch nicht über den Weg.

Einige Tage später ruft der Waldkobold alle Gefährten an der Wurzelhöhle zusammen, um von der Entscheidung des Ältestenrates zu berichten: »Nun ist einige Zeit vergangen und Paschinka hat sich gut bei uns eingelebt. Er muss aber noch viel lernen. Es wäre daher nicht ratsam, ihn wieder in die Obhut der Menschen zu übergeben. Dieser Tim hat sich bisher nicht wiedersehen lassen. Der Ältestenrat hat soeben entschieden, dass Paschinka für immer bei uns bleiben soll. Seid Ihr damit einverstanden?«
»Ja, ja!«, jubeln alle los und hüpfen aufgeregt im Kreis herum.
»Dann sei es so!«, stellt Waldkauz Schröder fest.
»Lasst uns mit der Aufnahmezeremonie beginnen«, ruft Esmeralda, die Kreuzspinne.
»Tritt bitte vor, Paschinka«, fordert ihn der Kobold auf.
»Tut das auch nicht weh?«, fragt der Welpe verängstigt.
Morgel beugt sich daraufhin zu ihm hinunter und flüstert in sein Ohr: »Das kribbelt ein wenig. Es wird Dir gefallen.«
Der Kobold zieht sodann seinen Zauberstab heraus und tippt damit Paschinka auf die Stirn. Ein helles, magisches Licht erscheint und tanzt um Paschinkas Kopf herum. Eine Wolke aus silberglänzenden Sternenstaub umhüllt dessen Körper.
»Huch, das kitzelt wirklich überall«, kichert der Hund vor sich hin.
»Pssst! Du musst still sein«, ruft ihm Antony von hinten zu.
»Du bist von nun an ein Gefährte der Gemeinschaft am Komstkochsteich«, spricht Morgel. »Solange Du das thüringische Land nicht verlässt, ist Dir ewiges Leben beschert. Die Gemeinschaft wird stets für Dich sorgen und Dir Sicherheit bieten. Sei willkommen!«

Ob der Neuankömmling Paschinka in der Gemeinschaft seinen Platz findet und ob der Junge Tim ihn jemals wiedersehen wird, erfährst Du in einer der nächsten Geschichten, die sicher irgendwann einmal auch für Dich hier erzählt wird.

Weiter geht es mit:

Morgel und die Waldfee (Teil 3)

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Ein Kommentar:

  1. Ingeborg Löffler

    Lieber Jens.
    Das ist eine wirklich schöne Geschichte. Ich freue mich schon auf die Nächste. Weiter so! 5 Sterne von mir.

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