Morgel und der Schatz im Komstkochsteich (Teil 4)

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Morgelgeschichte 4 - Morgel und der Schatz im Komstkochsteich

Für Thomas S. aus Waltershausen und dessen bedingungslose Freundschaft.

Autor: Jens K. Carl,
Illustrator: Jens K. Carl
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Spät abends, es dunkelt bereits. Die Sonne lässt ihre letzten Strahlen hoch oben über den Baumwipfeln tanzen, bevor sie sich entschließt, doch unterzugehen. Der Tag neigt sich dem Ende zu.

Igel Stachel und das Rehkitz haben sich angefreundet. Sie unternehmen gemeinsam einen letzten abendlichen Spaziergang unten am Komstkochsteich. Gerade um diese Zeit, wenn die Menschen ihre Angeln eingepackt und den Wald verlassen haben, ist die Stimmung am Teich märchenhaft.

Mit einem Male wird die Ruhe durch das Knattern und Aufheulen von Motoren gestört. Der ohrenbetäubende Krach wird immer lauter und macht den Tieren Angst. Überall huschen sie aufgeschreckt ins Dickicht und Unterholz der angrenzenden Wälder oder sie verschwinden in ihren unterirdischen Behausungen.

»Was ist das für ein Lärm, ein Lärm?«, fragt Stachel das Rehkitz aufgeregt.
»Das klingt gefährlich. Oh je!«, jammert das Kitz und setzt schon mal zu einem Sprung ins dichte Unterholz an. »Bloß nichts wie weg hier!«
»Ja Du, Du hast recht, lass uns schnell in Deckung gehen, Deckung gehen«, stimmt der Igel zu.

Mit hohem Tempo rasen zwei dunkle Gestalten auf Motorrädern vorüber in Richtung Komstkochsteich. Die beiden sind so schnell, dass sie sich wegen der tiefen Löcher auf dem Waldweg eher fliegend fortbewegen. Es stinkt nach Abgas und faulen Eiern. Eine dichte Staubwolke macht sich auf dem Weg und im Dickicht breit.

Stachel und Rehkitz bleibt vor Gestank und Staub die Luft weg. Sie müssen husten: »Hrr-Hmm! Hrr-Hmm!«
Doch dann ist plötzlich Stille eingekehrt. Den beiden Tieren stockt der Atem. Die in schwarzes Leder gekleideten Menschen haben am Ufer des Teiches Halt gemacht, die Motorräder abgestellt und ihre Helme abgenommen. Der eine hat einen dicken Kugelbauch und lange, graue Haare auf dem Kopf. Der andere ist spindeldürr und strohblond. Lautstark packen sie sich gegenseitig am Kragen. Sie streiten darüber, wer wie viel vom Kuchen abbekommt und dass sie alles vorerst im Wasser versenken sollten. Der Jüngere der beiden schnappt einen silberfarbenen Koffer und wirft diesen im hohen Bogen in den Teich. Dann schmeißt er gleich noch einen schwarzen Rucksack hinterher. Hastig fahren sie danach davon.

»Hrr-Hmm! Was war das denn, das denn?«, fragt der Igel und ist froh, dem Hustenreiz wieder nachgeben zu können: »Hrr-Hmm! Hrr-Hmm!«
»Keine Ahnung! Angler waren das sicher nicht«, antwortet das Rehkitz und fügt hinzu: »Ich denke, wir sollten schnell Hilfe holen. Hrr-Hmm! Wer weiß, was die da ins Wasser geworfen haben. Doch bestimmt keinen Kuchen. Der verdirbt ja. Das geht doch alles nicht mit rechten Dingen zu.«
»Gute Idee, gute Idee! Hrr-Hmm!«, stimmt ihm Stachel zu. »Mache Dich gleich auf den Weg. Am besten holst Du den Morgel her, Morgel her.«

Geschwind hüpft das Rehkitz los.
Als es an der Wurzelhöhle ankommt, ist es völlig außer Atem. Mit einem kräftigen Tritt gegen die Tür versucht es, den Waldkobold zu wecken, denn der wollte gerade heute, früh zu Bett gehen. Es ruft: »Komm Morgel, komm! Hrr-Hmm! Komm! Du musst schnell zum Teich kommen, da ist etwas Seltsames geschehen. Komm doch endlich! Hrr-Hmm!«
»Eyers-maners-duers, noch einmal! Was ist denn los mit Dir? Bist Du etwa krank?«, tönt es halb verschlafen aus der Höhle. »Moment bitte! Ich werde mir erst einmal etwas überziehen.«
»Nein, ich bin nicht krank. Das ist der Staub, wegen dem ich immerzu husten muss. Hrr-Hmm!«, antwortet das Rehkitz.
Der Morgel öffnet die Tür: »Was für Staub? Was redest Du denn da? Lass Dich mal anschauen. Huste mal!«
»Hrr-Hmm! Hrr-Hmm!«, gibt das Kitz von sich. »Du musst mit zum Teich kommen. Los! Hrr-Hmm!«
»Jetzt trinke erst einmal etwas, dann wird es Dir gleich besser gehen«, spricht Morgel und hält ihm eine Schale mit frischem Wasser hin.
Das Rehkitz schlappert aufgeregt ein paar Tropfen auf.
»Und nun erzähle, was ist geschehen.«
»Da haben zwei dunkle Gestalten etwas in den Teich geworfen. Vorher haben die gestritten und sich geschlagen.«
»Und das konntest Du wirklich alles beobachten?«
»Ja doch!«, ruft das Rehkitz. »Stachel war auch dabei. Ich schwöre, es ist wahr.«
»Also gut, dann schauen wir uns das mal an«, spricht Morgel. »Ich hoffe nur, Ihr erlaubt Euch nicht wieder einen Streich mit mir.«
»Das würden wir doch nie tun«, grinst das Rehkitz.

Zusammen rennen sie geschwind den Weg zum Teich hinunter. Am Ufer warten bereits Igel Stachel und Specht Gunther. Sie plappern sofort auf die beiden ein: »Da waren zwei komische Gestalten, die dort etwas ins Wasser geworfen haben.« Und dabei zeigen sie aufgeregt auf die Mitte des Teiches.
»Wer war da? Wer soll wo etwas reingeworfen haben?«, fragt Morgel nach. »Ihr habt doch wohl schlecht geträumt?«
»Nein ehrlich, da ist was ins Wasser geworfen worden«, seufzt das Kitz und fügt hinzu: »Kuchen womöglich!«
»Kuchen?«, fasst sich der Kobold fragend an den Kopf.
»Was ist, wenn da etwas Gefährliches oder Giftiges im Kuchen drinnen ist?«, warnt Gunther die Anwesenden.
»Ach papperlapapp! Ihr spinnt doch! Wer soll denn hier Kuchen reinwerfen? Es stehen überall die Schilder, dass die Fische nicht gefüttert werden dürfen. Ich gehe wieder schlafen«, brabbelt Morgel vor sich hin.

»Quak, quak, Ihr Landratten! Nun macht schon, holt das Zeug da aus dem Wasser«, mahnt Frosch Emerald die vier an und hüpft geradewegs an Land. »Das ist nicht gut, da bildet sich bereits ein Ölfilm drum herum. Dort, wo die Seerosen schwimmen, … quak.«
»Nun lass uns nachschauen«, fleht das Kitz den Morgel an.
»Na gut, Ihr Nervensägen«, seufzt der Kobold. »Emerald, sorge bitte dafür, dass alle Teichbewohner sofort dort verschwinden.«
»Wird erledigt, Boss!«, quakt der Frosch und hüpft im hohen Bogen zurück ins Wasser.

»Ihr drei gebt jetzt Ruhe und schließt die Augen.«
»Da können wir ja gar nichts sehen«, nuschelt das Rehkitz.
»Nun mach schon!«, fordert Morgel das Kitz auf. »Ich muss mich konzentrieren. Hier hilft nur noch Magie und Zauberkraft.«
Plötzlich kehrt Totenstille ein. Alle spüren ein seltsames Kribbeln auf der Haut. Der Kobold breitet seine Arme nach vorne aus und murmelt einen Zauberspruch vor sich hin: »Mäusedreck und Papageiengeschrei, was abgetaucht ist, kommt herbei!«
Mit einem Male steigen Blasen vom Grund des Teiches auf. Erst wenige, dann immer mehr. Kurz darauf tauchen zwei seltsame Dinge aus dem Wasser auf.
»Und der Spruch soll es nun bringen?«, fragt das Kitz blinzelnd nach.
Kaum hat es den Morgel unterbrochen, versinken die Teile mit lautem Getöse wieder.
»Halt endlich die Klappe, ich muss mich dabei konzentrieren!«, mahnt der Kobold das Rehkitz an und fügt hinzu: »Kein Wort mehr, sonst schicke ich Euch alle auf den Mond!«
Der Morgel beginnt noch einmal von vorn und wiederholt seinen Zauberspruch. Wie von Geisterhand getragen, tauchen ein Koffer und ein Rucksack aus dem Wasser auf. Beides schwebt auf die vier zu. Mit einem dumpfen Platsch knallen diese vor ihnen auf den Waldboden.
»Nanu, was ist das denn?«, wundert sich Morgel.
»Du siehst, wir haben nicht geträumt, nicht geträumt«, meckert der Igel den Kobold an.
»Ja, ja! Ist ja gut. Was mag da wohl drinnen sein? Nach Kuchen sieht das nicht aus. Lasst uns mal nachschauen«, sagt Morgel und macht sich sogleich am Rucksack zu schaffen. »Das ist Metall. Boah, ist das schwer. Viel glänzendes Metall. Das sind Geldmünzen!«
»Geldmünzen? Was soll das denn sein?«, fragt das Kitz nach.
»Geldmünzen sind eine Erfindung der Menschen. Das tauschen sie gegen Nahrung oder allerlei anderes Zeug«, antwortet Morgel. Er wühlt tiefer. »Hier sind ganz viele solcher Geldmünzen drinnen. Eyers-maners-duers, noch einmal! Ist das eine Menge.«
»Warum haben die das hier wohl versenkt, versenkt?«, fragt Stachel nach.

Mittlerweile hat Gunther mit seinem Schnabel beide Schlösser des Koffers geöffnet. Der Kobold hebt vorsichtig die Klappe an.
»Kuchen!«, krakeelt der Specht los. »Das muss der Kuchen sein!«
Schön aneinandergereiht, liegen bunte Päckchen darin. Violette, braune, grüne, rote und blaue Päckchen. Alles völlig durchnässt, da in den Koffer Wasser eingedrungen war.
Gunther hüpft sofort in den Koffer und schlägt seinen langen spitzen Schnabel in eines dieser Päckchen hinein. Angewidert spuckt er alles wieder aus und schimpft: »Bäh! Pfui! Was ist das denn? Das schmeckt ja wie Kleisterpampe! Pfui! Bäh!«

»Oh, was habt Ihr da entdeckt?«, ist aus dem Dunkel des Dickichts zu hören. Lehrer Dachs, der von dem ganzen Tumult aus dem Schlaf gerissen wurde, erscheint, um nach dem Rechten zu sehen. »Aha, Geld! Wie kommt das denn hierher?«
»Das haben wir eben aus dem Teich gefischt«, antwortet Emerald, der Frosch.
»Aus dem Teich? Wie ist es dort hineingekommen?«, schaut der Lehrer erstaunt in die Runde.
»Zwei schwarz gekleidete Menschen haben den Kuchen da hineingeworfen, hineingeworfen«, gibt Stachel zu verstehen.
»Kuchen?«, fragt der Dachs verwundert nach.

Plötzlich tauchen blaue Blitze und ein ohrenbetäubendes Sirenengeheul am Horizont auf. Gleich fünf Polizeiautos rasen in hohem Tempo auf den Teich zu. Unzählige Menschen in grüner Uniform steigen aus und schauen sich hastig am Ufer um. Einige davon fangen sogleich an, Spuren auf den Waldwegen und im Gebüsch zu sichern. Die anderen schreien sich unentwegt an.

»Versteckt Euch! Schnell!«, ruft Morgel seinen Freunden zu. Er schnappt den Rucksack und zerrt ihn ins Dickicht. Der Dachs schiebt den Koffer hinterher. Gespannt schauen sie dem Treiben der Polizisten zu.
»Kraa, kraa! Ist das nicht aufregend?«, ruft Clara vom Baldrichstein, die eitelste Krähe weit und breit, den sechs zu, als sie dort am Ufer landet. »Wir sind den Automobilen bis hierher gefolgt. Es ist immer hübsch anzusehen, wenn die blauen Lichter sich so drehen. Kraa!«
»Was die wohl da drüben suchen? Kraa, kraa!«, fragt Constantin, Claras Eherabe, in die Runde, als auch er nach einem kurzen Rundflug landet.
Aus den Büschen ist nur ein leises: »Psst!«, und, »Versteckt Euch!«, zu hören.

Auf der gegenüber liegenden Teichseite hat Sparky, ein äußerst neugieriger Spatz, seinen Schlafplatz in einem alten Nistkasten eingerichtet. Er belauscht die Gespräche der Polizisten und kann kaum glauben, was er da anhören muss.
Sofort beschließt Sparky, den anderen darüber zu berichten, und fliegt flugs zur Böschung hinüber: »Morgel, Morgel!«, ruft er aufgeregt und flattert wild um dessen Kopf herum. »Drüberfall, Bräute, Kräuber und … ach herrje, ich muss mich setzen. Hui, mein Herz pocht ganz flott!«
»Ich verstehe kein Wort. Was ist los?«, fragt Morgel nach.
»Also, hach, ganz langsam! … Die reden von einem Drüberfall auf eine Spatzkasse und zwei Kräubern auf Krädern und von viel Bräute. Jetzt verstanden?«, gibt Sparky japsend von sich.
»Das ist es! Ich hab es!«, flüstert der Kobold den anderen zu. »Ein Banküberfall! Die schwarzen Gestalten sind Räuber und haben die Sparkasse überfallen. Und das hier ist ihre Beute. Die haben sie hier im Teich versteckt.«
»Kraa! Ist das aber aufregend«, freut sich Clara.
»Ach ja, ehe ich es vergesse, die Kräuber sollen sich noch irgendwo hier herumtreiben«, fügt der Spatz hinzu.
»Gut gemacht, Sparky! Gut gemacht, in der Tat«, flüstert Stachel. »Jetzt wissen wir wenigstens, was es mit dem Schatz auf sich hat. Und was soll nun damit geschehen, geschehen?«

Die Polizeiautos fahren plötzlich wieder ab. Ebenso schnell, wie sie gekommen waren. Ruhe kehrt ein.

Der Kobold steht auf, schüttelt sich das Laub und den Schmutz vom Schlafanzug und sagt mit fester Stimme: »Das Geld muss weg! Am besten, dorthin wo es herkam. In die Sparkasse oder gleich zur Polizei. Wir können so und so nichts damit anfangen.«
»Und wie sollen wir das anstellen, das anstellen?«, möchte der Igel wissen.
»Der Kobold hat recht«, spricht der Dachs. »Die Räuber werden irgendwann zurückkommen, um das Geld hier abzuholen. Wir sollten denen eine Falle stellen.«
»Genau! Aber wir brauchen einen Plan! … Der Ältestenrat tagt ohnehin morgen früh«, fügt Morgel hinzu und wendet sich ab. »Ich gehe wieder zu Bett und das rate ich Euch auch. Gute Nacht!«
»Ich halte hier Wache!«, ruft der Igel hinterher. »Ich kann um diese Zeit sowieso nicht schlafen, nicht schlafen!«

Bei Sonnenaufgang versammeln sich alle Tiere vor der Wurzelhöhle. Wildes Geschnatter und Gepiepse durchdringt die Stille des Waldes. Im Inneren der Höhle geht es auch hoch her. Es wird darüber diskutiert, wer was wann tun kann, um zu helfen. Einer ruft, wir sollten das Geld wieder versenken. Ein anderer weist auf die drohende Verschmutzung des Teiches hin. Eine dritte schlägt vor, ich könnte die Polizei hierherlocken.
Plötzlich wedelt der Dachs mit seinen Armen und brüllt laut dazwischen: »Ruhe! Ruhe! Wer hat das eben gesagt? Das mit dem hierherlocken.«
»Kraa! Ich war das, kraa«, meldet sich Clara. »Das war doch nur so ein Gedanke.«
»Aber das ist es, Clara! Wir zwei machen das«, lobt Constantin sie. »Wir schnappen uns so ein Geldbündel und streuen eine Spur bis in den nächsten Ort. Das sollte doch die Polizisten irgendwie hierherlocken. Kraa!«
»Jawohl, und wir legen uns hier auf die Lauer, um die Räuber hopszunehmen«, freut sich Gunther.
»Hopsnehmen? Oh je, das hört sich gefährlich an. Da will ich nichts mit zu tun haben«, jammert Adalbert, der Molch, und verkriecht sich rasch in seiner Kaminspalte.
»Nicht wir nehmen die Räuber hops. Wenn schon, dann macht das die Polizei«, erklärt der Dachs.

»Also los!«, bestimmt der Kobold. »Clara und Constantin legen eine Spur hierher. Wir anderen verstauen den Rest der Beute wieder da, wo wir sie gefunden haben.«
»Genau! Allerdings ersetzen wir zuvor das Geld durch Wackersteine und versenken den Koffer und den Rucksack dann im Teich«, fügt der Dachs hinzu.
»Und wie kommt die Polizei dann an das Geld?«, fragt das Rehkitz dazwischen. »Ich habe da ja eine Idee! Malen wir doch eine Schatzkarte und geben diese den beiden Raben mit.«
»Toll, deine Idee!«, freut sich Morgel. »So machen wir es. Du bist wirklich ein cleveres Bürschchen.«

Gesagt, getan. Alle beginnen sofort mit der Arbeit. Als Erstes schütten sie das ganze Geld in eine alte hölzerne Truhe, die vor Jahren ein Waldarbeiter hier im Wald vergessen hat, und stellen sie im Dickicht ab. Dann versenken sie den Koffer und den Rucksack mit Steinen gefüllt wieder im Teich. Das Rehkitz und der Dachs malen derweil zusammen eine Schatzkarte und wickeln diese um ein Geldbündel.

Mit je einem Päckchen machen sich die beiden Raben auf den Weg in den nächsten Ort. Alle paar Meter zupft Clara aus Constantins Bündel einen Geldschein heraus und lässt ihn auf den Weg gleiten. Vor der nahe gelegenen Schule entdecken sie ein geparktes Polizeiauto. »Kraa, kraa, kraa!«, schreien beide und drehen einige Runden über dem Wagen. »Kraa, kraa, kraa!«
Constantin lässt sein Bündel mit Wucht auf das Autodach knallen. Dieses platzt auf und überall fliegen Geldscheine umher.
Plötzlich rappelt es in dem Auto. Die Türen werden blitzartig aufgestoßen. »Was war das denn?«, schimpfen die beiden Polizisten mit erhobenen Händen Richtung Himmel: »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Macht Euer Geschäftchen bitte anderswo!«
Auch Clara wirft sogleich ihr Päckchen im Sturzflug einem der Männer vor die Füße und schlägt danach einen Looping über dessen Kopf. Dann fliegen die beiden Raben krähend davon: »Kraa, kraa, kraa! … Hurra, hurra, hurra!«

Morgelgeschichte 4 - Morgel und der Schatz im Komstkochsteich

»Das ist ja Geld. Schau nur Mani!«, ruft ihm Polizeiobermeister Gerd zu, als er das Päckchen vom Dach des Autos herunter zieht. »Sammle das mal schnell alles ein, bevor es fortfliegt!« Dann entdeckt er einen alten Stofffetzen, mit allerlei Strichen und Kreisen darauf. Egal, wie er ihn dreht und wendet, so richtig schlau wird er nicht aus den Krickseleien. »Mani, verstehst Du das?«
»Das sieht aus wie eine Karte«, ist Manfred überzeugt.
»Stimmt, das könnte eine Schatzkarte sein«, gibt ihm Gerd recht. Er nimmt das nasse Bündel zur Hand, betrachtet die Banderole darum und stellt fest: »Das Geld stammt eindeutig aus dem gestrigen Sparkassenraub. Kapierst Du das? Was haben bloß die ollen Krähen damit zu tun?«
»Schau nur, da vorne fliegen auch noch Scheine auf dem Weg umher«, spricht Manfred und rennt schnell dort hin, um diese einzusammeln. »Hier liegen noch viel mehr. Das sieht aus, als hätte jemand eine Spur gelegt! Sie führt den Klostermühlenweg hinauf.«
»Du spinnst, so was gibt es doch nur im Märchen!«, ruft Gerd ihm zu.
»Nein, im Ernst! Komm her und schau«, winkt Manfred ihn herbei. »Wenn ich die Karte so betrachte, dürfte der Kreis der Komstkochsteich sein. Und da, wo die Kreuze sind, liegt womöglich die Beute.«
»Jetzt, wo Du es sagt. Du könntest recht haben. Aber was haben bloß die beiden Krähen damit zu tun?«, fragt Gerd und kratzt sich dabei am Kopf.
»Wer weiß? Ich werde der Spur folgen. Hole Du Verstärkung«, fordert ihn Manfred auf.
»Na gut! Ich fahre langsam mit dem Wagen hinter Dir her«, stimmt Gerd zu und ruft nebenbei per Funk weitere Polizeistreifen herbei.

Den ganzen Weg über hat Manfred die Karte immer wieder angeschaut. Als er am Komstkochsteich ankommt, ist ihm schnell klar, an welcher Stelle der Schatz liegen muss. Ein Kreuz befindet sich gleich neben dem Kreis. Es dauert daher nicht lange und Manfred stößt auf die hölzerne Truhe mit der restlichen Beute darin. Zusammen bugsieren sie die schwere Kiste in den Kofferraum ihres Polizeiautos.
Doch was bedeutet das zweite Kreuz auf der Karte, fragt sich Manfred. Es befindet sich innerhalb des Kreises. Lag die Beute etwa dort im Wasser und ist das Geld deshalb so nass, überlegt er sich weiter. »Gerd, ich glaube, die Ganoven hatten das Geld hier im Teich versenkt und irgendein Witzbold hat es für uns heraus geholt und uns dann hierhergelockt.«
»Meinst Du? Es sieht ja ganz danach aus«, gibt ihm Gerd recht. »Wir sollten die Karte allerdings vor den anderen verstecken. Das mit den Krähen glaubt uns doch kein Mensch. Die halten uns alle für bekloppt.«
Manfred steckt die Schatzkarte daraufhin ordentlich gefaltet in seine Hosentasche. Dort ist sie sicher, glaubt er.

Mittlerweile sind weitere Polizisten am Teich eingetroffen. Gerd übernimmt als Dienstältester das Kommando.
»Kameraden, wir sind hier zufällig auf die Beute aus dem Sparkassenraub gestoßen. Das Geld konnten wir bereits sicherstellen«, ruft er ihnen zu. »Es ist nun geboten, auch die Räuber dingfest zu machen. Deshalb haben Mani und ich überlegt, dass wir uns hier auf die Lauer legen und auf die Ganoven warten. Ich kann nicht einschätzen, wie lange dieser Einsatz dauern wird, daher werden wir hier bei Tag und bei Nacht abwechselnd Wache schieben. Mani und ich fangen an.«

»Jetzt geht es los«, flüstert der Kobold seinen Freunden zu, als sie die Polizisten aus einiger Entfernung beobachten. »Wir werden aufpassen, dass die hier nicht überall umher schnüffeln und unseren schönen Wald zertrampeln.«
»Ich schlage vor, dass wir uns an den Waldwegen postieren und den Räubern den Rückzug versperren, falls diese vor der Polizei türmen wollen«, spricht der Dachs.
»Und wir halten von oben Ausschau, wann sie kommen«, fügt Waldkauz Schröder hinzu.
»Kraa! Ist das alles aufregend«, freut sich Clara. »Endlich ist mal richtig was los hier.«

Die Zeit vergeht und kein einziger Räuber taucht auf. Nur einige Wanderer machen hin und wieder am Teich kurz Rast. Ganze drei Tage liegen die Polizisten auf der Lauer, ohne dass etwas Außergewöhnliches passiert.

Beim Einsetzen der Dämmerung schlägt Schröder Alarm. Seinem scharfen Blick entgeht nichts. Von Weitem sind die auf- und abtanzenden Lichtstrahlen zweier Taschenlampen zu sehen. Die Lichter kommen allmählich näher. Sofort fliegt der Waldkauz los, um die anderen zu warnen: »Da kommt wer! Zwei dunkle Gestalten zu Fuß.«
Die Tiere beziehen leise ihre Posten.

Auch die Polizisten haben die Lichter entdeckt und bereiten sich auf den Zugriff vor. Sie beobachten, wie zwei schwarz gekleidete Männer erst einen Koffer und dann einen Rucksack aus dem Teich fischen. Bevor die Räuber den Inhalt prüfen können, greifen die Polizisten zu. Der jüngere Ganove versucht noch schnell, zu fliehen. Jedoch stellen sich ihm die fauchende Luchsin Lava und der Zähne fletschende Fuchs Lothar vom Hocksloch in den Weg. Völlig verängstigt lässt sich auch dieser festnehmen. Zufrieden fährt die Polizei davon.

Manfred und Gerd sind sehr müde von der anstrengenden Warterei. Bevor beide zurück aufs Polizeirevier fahren, wollen sie erst noch schnell ein Nickerchen machen.
Als sie wieder aufwachen, können sie sich allerdings nicht mehr daran erinnern, wie sie hierher in den Wald gekommen sind.

Was war geschehen?
Morgel und die Waldfee Regina hatten die beiden in einen Tiefschlaf versetzt und dann mit einem Vergessenszauber belegt. Natürlich haben sie auch die Schatzkarte verschwinden lassen.

Weiter geht es mit:

Morgel und der kleine Zirkusbär (Teil 5)

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